To The Lighthouse von Virginia Woolf
- 24. Dez. 2024
- 2 Min. Lesezeit

Vielleicht sind Einsichten nicht eingängig, hinterlassen keinen prägenden Eindruck, entfalten keine lebensverändernde Wirkung, wenn man sie als Kalenderspruch formuliert liest. Bei jeder Anstrengung kommt ein Gewinn heraus (Bibelspruch).
To the Lighthouse ist keine leichte Lektüre. Virginia Woolf schlüpft in ihre Figuren, gräbt sich in ihre Gedanken und verleiht ihnen sprachmächtig Ausdruck. Sie leiht ihnen ihren Intellekt und ihre Sprache. Damit fremdele ich eigentlich. In diesem Roman funktioniert das. Indem sie das Innenleben der Figuren mit eigenen Worten aus deren Perspektive beleuchtet, entsteht trotz dieses Verschmelzungsversuchs oder gerade weil sie die fremde Figur werden will, eine kritische Distanz. Aber darüber hat sie sich sicher keine Gedanken gemacht. Vielleicht liege ich objektiv auch völlig falsch. Jedenfalls helfen mir diese Überlegungen der Wirkung dieses reichhaltigen Werkes auf mich auf die Schliche zu kommen.
Man schreibt To the Lighthouse autobiographische Züge zu. Und dabei lässt der Roman so viel Raum, eigene Erfahrungen zu reflektieren. Jeder ist in einer Familie groß geworden. Woolf beschreibt eine Musterfamilie, der Vater, ein großer Intellektueller, die schöne Ehefrau, die lebhaften Kinder, alle unterschiedlich mit Talenten gesegnet, das soziale Engagement der ständig besorgten Mutter - man will nicht nur Trophäe sein, die Depressionen werden angedeutet, die Selbstzweifel des übermächtigen Vaters, dessen Abhängigkeit von Anerkennung, dessen überzogenen Erwartungen an die Kinder, Wärme, Kälte, das intellektuelle Umfeld, in dem sich die Familie bewegt, Gutmenschentum, um ein Modewort aus dem 21. Jahrhundert zu bemühen, Fliehkräfte, denen der ganze Kosmos ausgesetzt ist, denen mit einem Projekt, der Fahrt zum Leuchtturm, wo der Vater der Unterschicht in Form des Leuchtturmwärters und dessen gebrechlichem Sohn, Geschenke zu überbringen gedenkt, im Gedenken an die verstorbene Mutter, ein Projekt, das 10 Jahre nach dem ersten Versuch, den der Vater in seiner ihm eigenen unsensiblen, grobschlächtigen Art unterbunden hat, vollendet wird; das Familienleben gespiegelt in den Gedanken einer Malerin in ständiger Schaffenskrise; es geht nicht um die Anerkennung in der Kunst, sondern um das Umsetzen der Vision, dem Schaffensakt, ganz gleich, ob das Bild in der Dachkammer verrottet oder der Malerin zu Ruhm verhilft.
Das klingt schon fast wie ein Kalenderspruch. Es gäbe noch so viel mehr zu schreiben und so viel zu entdecken. Daher empfehle ich die Lektüre, ein-, zwei- oder dreimal zu lesen, auch oder gerade weil es anstrengt.


