Anna Karenina - Von Lew Tolstoi
- 15. Jan.
- 5 Min. Lesezeit

Anna Karenina von Lew Tolstoi
Anna Karenina empfand ich als prickelndes Leseerlebnis. Die Funken sprühen noch Tage danach. Auf den ersten Blick wirkt das Werk einschüchternd, allein wenn man sich dessen Umfang vor Augen führt. Doch die so oft zitierten ersten Sätze wecken Verlangen, in die uns eigentlich fremde Lebens- und Gedankenwelt der unglücklichen und glücklichen Familien im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts einzutauchen, an Wohl und Wehe teilzunehmen, sich unter die Leute zu mischen, die sozialen Gefüge zu erkunden; das Seelenleben der Figuren rührt an.
Wenn man in einem Kapitel einen schlechten Eindruck von einer Person gewinnt oder das Schicksal einer Protagonistin seelische Pein verursacht, wechselt Tolstoi im nächsten oder einige Kapitel später die Perspektive, wendet sich dem kaltherzig Erscheinenden warmherzig zu und malt dessen seelische Nöte aus, sodass man hin- und hergerissen die eigene Empfindungsfähigkeit kennenlernt und sich bereichert auf das nächste Kapitel freut. Es kam mir in vielen Passagen so vor, als trete man mit der menschlichen Seite der Natur des Kosmos in Kontakt.
Wenn eigene Erfahrungen dem Erleben in der Fiktion nicht zuwider laufen, besteht dann nicht die Gefahr, dass man sich darin verliert, Gedanken, Positionen, Haltungen kritiklos übernimmt? Ich habe vor Jahren mit großem Genuss Ian McEwans Roman „Abbitte“ gelesen. Beim Schreiben einer kurzen Geschichte experimentierte ich mit der Dekonstruktion der Fiktion durch den Eintritt des Erzählers in die Erzählung, ein häufig verwendetes, zweischneidiges Stilmittel. Ich stieß während der Lektüre von McEwans Werk auf den Gedanken, dass nicht nur die Erzählung Fiktion ist, sondern auch die eigenen Geschichten, mit denen man sich tagtäglich einzelne Begebenheiten, vielleicht das ganze Leben erklärt, ebenso wie die Geschichten seiner Mitmenschen. Im zweiten Teil von „Abbitte“ entlarvt die Autorin zentrale Ereignisse des ersten Romanteils als weitgehend erfunden, die Realität war viel schrecklicher, für die Liebenden gab es kein Happy End, sie kamen auf tragische Weise ums Leben; sie korrigiert den Handlungsverlauf im zweiten Teil, doch man misstraut ihr fortan; McEwan macht die Fiktion fühlbar, indem er sie einem generellen Vorbehalt preisgibt.
Tolstois Figuren treten aus dem Roman heraus und entwickeln ein Eigenleben; wer will, kann mit ihnen in einen inneren Dialog treten. Dafür bedarf es bei Tolstoi keiner besonderen Begabung, sofern die Aufmerksamkeitsspanne durch maßlosen Konsum von Reels noch nicht unwiederbringlich geschädigt ist. Man sagt der Figur von Lewin nach, dass Tolstoi darin sich oder vielleicht genauer seinen Lebensentwurf verewigt habe. Mag sein. Vielleicht war er von Anna Karenina besessen und in eine Kitty unsterblich verliebt. Die Gestaltung solcher lebenswirklicher Figuren setzt aus meiner Sicht tief empfundene Kenntnis komplexer menschlicher Seelen voraus.
Tolstois Gestaltungskraft macht vor der Psyche der Figuren nicht Halt. Er zeigt auch die sozialen Verflechtungen der Handelnden auf der Ebene der Liebe, der Stände und zwischen den Ständen auf. Die Ebene der Liebe bleibt nachvollziehbar, die Beschreibung aller anderen sozialen Beziehungen wirkt schlüssig und glaubwürdig; ob er damit den Nerv der Zeit getroffen hat, müsste ich einer Zusammenarbeit von Historikern und Literaturwissenschaftlern überlassen. Bestimmt gibt es die schon. Die Fiktion ist perfekt. Erst dadurch, dass die Oblonskis, Karenins, Wronskis, Lewins, Kittys und wie sie noch alle heißen, in uns ein Eigenleben entfalten, löst sich die Fiktion auf; sie stehen mit ihren Ansichten, Empfindungen, Irrungen und Wirrungen vor uns, konfrontieren uns damit, lassen uns auf sicherem Terrain nachdenken und nachempfinden.
Und sei die Serie irgendeines Streamingdienstes auch noch so gut, an Tolstois Kunst kam noch keine heran, die ich bisher gesehen habe. Wer Zeit und Muße hat, sollte sich das Lesen des Romans nicht entgehen lassen. Er ist in kürzere Kapitel gegliedert und kann auch über einen längeren Zeitraum genossen werden. So viel darf verraten werden: Wer beim Lesen allzu schnell richtet, verzichtet darauf, die eigenen Vorstellungen zu erforschen, läuft aber nicht Gefahr, der Fiktion zu erliegen. Das letztere wiegt das erstere nicht auf. Der Gefahr entgeht man auch, indem man das Buch zuschlägt, zur Seite legt und über das Gelesene nachdenkt. Trotzdem steht außer Frage, dass das fiktive Erleben das Gehirn umbaut. Ich wage zu behaupten zum besseren.
Auch in Anna Karenina macht uns Tolstoi mit unterschiedlichen Figuren der aristokratischen Klasse bekannt, die auf der Suche nach „ihrem“ Sinn des Lebens sind. Alle verfügen über genügend Zeit, Geld und hilfreiche Beziehungen und damit über Entfaltungsspielräume, die ihren Leibeigenen verschlossen sind. Tolstoi verschweigt nicht, auf wessen Kosten diese Freiräume entstehen. Während Oblonski den kostspieligen Sinnesfreuden frönt, seine Sorgen darum kreisen, einen besser bezahlten Job zu erhalten, um sich den eigenwilligen Lebensstil leisten zu können, sorgt sich Lewin um sein Gut, bewirtschaftet es selbst, fasst dabei zum Leidwesen seiner Bauern mit an, sucht das Schicksal seiner Leibeigenen mit mehr oder weniger Erfolg zu verbessern, beschäftigt sich fruchtlos mit philosophischen und anderen intellektuellen Übungen, gerät in eine tiefe Sinnkrise, findet Halt in der glücklichen Ehe mit Kitty und entdeckt am Ende des Romans den Weg in die Religiosität.
So könnte jede Figur auf dem Weg in ein sinnvolles Dasein beschreiben, vor allem den Anna Kareninas, Wronskis und Karenins. Während sich die schöne, intelligente und empathische Anna in ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Wronski völlig verstrickt, schüttelt die schöne Kitty die jugendliche Schwärmerei für Wronski schnell ab - wir dürfen sie in ihrer kognitiven Entwicklung auf einer Auslandsreise mit ihrer Mutter begleiten; sie entdeckt ihre Liebe zu Lewin neu, die in einer der schönsten Verlobungsszenen der Literaturgeschichte gipfelt.
Die beiden Hauptfiguren des Romans (aus meiner Sicht) Anna und Lewin begegnen sich nur ein einziges Mal, ihre Lebenswege überschneiden sich nur in diesem einen Punkt und doch kreist der ganze Romankosmos um die beiden, deren Lebensentwürfe unterschiedlicher nicht sein könnten. Selbst Lewin ist von Anna hingerissen, obwohl sie bei ihrem Zusammentreffen bereits im psychischen Ausnahmezustand lebt. Ein letztes Mal spielt sie die schöne, geistreiche Dame der Gesellschaft, die sie längst ausgestoßen hat. Annas innerer Monolog, bevor sie sich unter den Zug wirft, gefangen in ihren Gehirnwindungen, wobei sie jede Wahrnehmung ihren sich streitenden Narrativen unterordnet, gleicht einer Geisterbahnfahrt und wirkt dabei erschütternd authentisch, lebendig und zeitlos. Solche Irrfahrten reißen nicht nur die eigene Seele in den Abgrund, sie üben eine üble Sogwirkung auf die Nahestehenden aus.
Lewin ist das andere Gravitationszentrum. Obwohl Lewin Zweifel und bis hin zu Suizidgedanken quälen, machen wir uns keine Sorgen um ihn. Um ihn herum blüht das Leben auf. Der Roman endet damit, dass Lewin Gott und die Kirche als Quelle für sein Seelenheil entdeckt. Die nächste Lebenskrise dürfte in nicht allzu ferner Zukunft schon auf ihn warten. Er wird auch diese überstehen, weil er sich vorbehaltlos dem Dasein überlässt. Wenn schon die Tiere und/oder Pflanzen, die wir essen, - der leidenschaftlich schlemmende Oblonski weckt ein ums andere Mal unseren Appetit - über die Darm-/ Hirnschranke beeinflussen, was wir denken, können wir getrost davon ausgehen, dass uns auch Tolstois Fiktionen beim Lesen und Nachdenken nachhaltig verändern. Vielleicht können wir diese Veränderungen nicht steuern, staunend beobachten können wir sie allemal. Hierin liegt ein lange nachwirkender Zauber des Romans.
All die glücklichen Menschen, die weder über sich, noch über andere nachdenken, noch über ihre Beziehungen zu anderen Menschen oder der Welt - Tolstoi beschreibt in Anna Karenina nicht wenige davon, allen voran Oblonski - und keinen Spaß beim Lesen empfinden, werden keinen Gefallen an dem Werk finden. Allen anderen seien die Yves St. Laurent nachgesagten Worte empfohlen:
„Rien n‘est plus beau qu‘ un corps nu. Le plus beau vêtement qui puisse habiller une femme, ce sont les bras de l'homme qu'elle aime. Mais pour celles qui n‘ ont pas eu la chance de trouver ce bonheur. Je suis là.“ (YSL)
Und Tolstoi, müsste man wohl ergänzen.


