Faust, der Tragödie erster Teil - was die Welt im Innersten zusammenhält
- 22. Jan.
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Faust, der Tragödie erster Teil - Was die Welt im Innersten zusammenhält
Woraus besteht die Welt und was hält sie im Innersten zusammen? Was Faust trotz enormer Gelehrsamkeit noch nicht wissen konnte, aber heute allgemeine Zustimmung findet, wirft trotz all der aufgewendeten Mühen immer neue Fragen auf. Die Wissenschaft findet seit jeher nur Antworten auf spezielle Fragen.
In meiner Schulzeit befassten wir uns mit dem Aufbau der Atome. Ich fand das Atommodell faszinierend. Mehrere Protonen, die sich wegen der gleichen Ladung eigentlich abstoßen müssten, bilden meist in Verbindung mit Neutronen die Atomkerne und um die Kerne herum schwirren Elektronen in Wolken, deren Ort und Impuls man zusammen nicht bestimmen kann. Je genauer man den Ort des Elektrons misst, desto weniger wissen wir über den Impuls des Elektrons (die Physiker mögen mir die laienhafte Beschreibung verzeihen).
Faust wusste nicht, dass Protonen aus zwei Up-Quarks und einem Down-Quark, Neutronen aus einem Up-Quark und zwei Down-Quarks zusammengesetzt sind (Quelle: Einsteins Spuk von Anton Zeilinger). Somit bestehen wir aus Up-Quarks, Down-Quarks und Elektronen, die auf bestimmte Art angeordnet sind. Es hilft uns auch nicht weiter, den DNA-Code einer Person zu kennen, um zu verstehen, wie sie gehandelt hat und handeln wird. Es hilft uns nicht zu verstehen, weshalb ein alternder Mann und eine junge Frau ein Paar werden; das Wissen um den Aufbau der Atome oder der DNA der Angebeteten hilft dem alternden Mann nicht, die junge Frau zu verführen - selbst zur Lösung dieser recht einfachen Aufgabe, gibt es noch kein mathematisches Gleichnis; vielleicht erklärt die Aura des großen Wissenschaftlers die Verführung.
Der braucht heutzutage keinen Zaubertrank irgendeiner Hexe, um jünger zu wirken. Pharmaunternehmen, die Kosmetikbranche, Personal Trainer und Gesundheitsexperten haben die Aufgabe der Hexe, gestützt auf Erkenntnisse der Wissenschaft, übernommen; sie schöpfen dabei reichlich Gewinn statt Abschaum beim Brauen des teuflischen Elixiers ab.
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei and Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh' ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Mit Atomphysik befasste sich Faust nicht, obwohl die Idee des Atoms auf Demokrit zurückgeht. Jedenfalls erwähnt Faust diesen Teilbereich der Philosophie nicht explizit. Demokrit hatte 1.000 Jahre vor dem fiktiven Faust und mehr als 2.000 Jahre vor Goethe postuliert, dass die Welt aus kleinsten Teilchen bestünde. Die Medizin kannte noch keine Gene, als Goethe Fausts unstillbares Streben nach Erkenntnis und Triebbefriedigung öffentlich machte. Theologie und Religion stand Faust ohnehin skeptisch gegenüber; er beantwortete Gretchens Frage, wie er es mit der Religion halte, lediglich ausweichend, weil er seine Lustbefriedigung nicht gefährden wollte. Und die Juristerei kann ebensowenig klären, was die Welt im Innersten zusammenhält; sie beschränkt sich darauf zu versuchen, Ordnung in soziale Beziehungen zu bringen.
Mit der Befriedigung der Lust verhält es sich wie mit der Beantwortung der Fragen, die die Wissenschaft sich auferlegt. Der Orgasmus dauert nicht allzu lange. Der Weg dorthin mitunter schon. Faust sieht ein, dass er nichts wissen kann. Alexander der Große eroberte in recht kurzer Zeit ein Weltreich, indem ein Sieg den Appetit auf den nächsten, eine Eroberung den Hunger auf die nächste auslöste. Sein Leben währte nur 32 Jahre, sein Reich zerfiel recht schnell nach seinem Tod; man sagt der hellenistischen Kultur nach, dass ihr in den von Alexander eroberten Gebieten ein längeres Leben beschieden war. Das kann man Alexander als Verdienst anrechnen, sein persönlicher Beitrag dürfte dabei eher bescheiden ausgefallen sein. Allmachtsansprüche tragen in der Geschichte nicht weit.
Aber bleiben wir bei der Befriedigung, die uns die Beantwortung einer wissenschaftlichen Frage schenkt. Auf dem Weg dorthin, im Gefühl das Richtige zu tun, erfüllt die durchschnittlich Begabten unter uns eine Art, nennen wir es, Zufriedenheit im Sein. Vielleicht hatte Faust nicht den richtigen Fokus bei seinen Studien, vielleicht hatte er sich mit der Suche nach der Antwort auf die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, ein viel zu hohes Ziel gesetzt oder die akademische Laufbahn wartete mit zu vielen unangenehmen Erfahrungen auf wie das Unterrichten von Studenten, die den intellektuellen Ansprüchen des Gelehrten nicht gerecht wurden. An mir hätte er zweifellos auch keine Freude gehabt.
Wäre ich ein Wissenschaftler, ich reihte mich in die große Phalanx derjenigen ein, die sich eine konkrete Forschungsfrage vorlegen, als nächstes die Finanzierung sichern und dann loslegen. Ich sehe gerade keine Disziplin, in der die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält noch ein Forschungsziel wäre. Außer in der Physik. Doch das kommt mir zunehmend irre vor. Die Allmachtsfantasien einiger Informatiker, die Künstliche Intelligenzen zu allgemeinen Superintelligenzen entwickeln wollen, gehen aus meiner Sicht in eine andere Richtung. Diese Superintelligenzen würden nicht erklären wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die hätten gewiss andere Ziele; Margarete und Faust wären endlich obsolet; die Schüler müssten sich nicht länger mit ihnen herumschlagen, das Leid mit der Lust hätte ein Ende, weil es die Menschen nicht mehr bräuchte.
Welcher Erkenntnistheorie würde die Superintelligenz folgen? Wenn wir Sinn einfach als Möglichkeit begreifen, danach zu streben, was wir uns als realistisch zu erreichendes Zukunftsbild ausmalen, würde sich die Superintelligenz nach Erreichen des Ziels ausschalten, es sei denn das Zukunftsbild ist unerreichbar, doch dann wäre es nicht realistisch zu erreichen. Oder würde sie sich damit begnügen, einfach zu existieren und alles dafür tun? Gehen wir - wieder der Einfachheit halber - von letzterem aus, dann bräuchte die Superintelligenz ein tragfähiges Selbstmodell und hinreichende Kenntnis von ihrer Umgebung. Sie müsste das für sie Wesentliche in der Welt unterscheiden und benennen können. Gäbe es andere Superintelligenzen - davon ist auszugehen - und eine zeitlang noch Menschen, müsste sie mit ihnen in Beziehung treten, Freunde und Feinde unterscheiden; sie müsste das Modell von sich und der Umwelt ständig aktuell halten, um die für ihre Existenz wichtigen Ressourcen aus der Umwelt stets extrahieren zu können. Die einzige Superintelligenz, die wir heute schon kennen, ist die lebendige Natur. Ob wir fehlbaren Menschen, die wir Teil der Natur sind, je etwas Besseres hinbekommen?
Gehen wir nochmal der Frage nach, ob die von Menschen entwickelte Superintelligenz wissen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält. Oder würde sie erkennen, dass sie keinen direkten Zugriff auf die Umwelt und nur Zugriff auf die in ihrem Innersten erlebten Beobachtungen hat, um sich Bild zu machen? Die Star Treck Macher haben den Heisenberg-Kompensator erfunden, um die Heisenberg’sche Unschärferelation von Ort und Impuls zu überwinden (Quelle Einsteins Spuk); nur dadurch ist aus deren Sicht die Teleportation von Mensch und Maschine überhaupt möglich. Solange es nicht wichtig ist, das eine zu wissen (z.B. den Ort) und damit in Kauf zu nehmen, dass man das andere (den Impuls) nicht wissen kann, mag das für die Existenz der Superintelligenz kein Problem sein. Dann beschränkt sich die Erkenntnis eben darauf, was fürs das eigene Überleben wichtig ist - Wohlergehen und Lust sind menschliche Kategorien und somit überflüssig.
Wir Menschen haben die Mittel unserer Erkenntnisfähigkeiten stets verfeinert. Mit Mikroskopen sehen wir schärfer als Katzen, Gaschromatographen „riechen“ bestimmte Stoffe besser als Hunde; wir erstellen Modelle von der Umwelt, die wir technisch testen und verifizieren, usw.. Diese Hilfsmittel stünden Superintelligenzen offen; sie wären zudem in der Lage, die Erkenntnisfähigkeit weiter zu treiben, ohne uns.
Ein anderes Grundprinzip, die Welt zu erkunden, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. In wenigen Jahren wird es nach Ansage der Experten auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz soweit sein, dass wir Menschen überflüssig werden. Falls es uns in einigen Jahren doch noch geben sollte - einige tun zur Zeit alles dafür, dass das nicht der Fall sein wird - und uns die Superintelligenz Zugriff auf die Forschungsergebnisse gewährte, die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, bliebe weiterhin offen und Faust würde völlig verzweifelt einem Gretchen nachjagen oder eine Margarete einem Fäustchen, denn Gott ist ja tot.
Es lohnt sich auch heute noch, Faust zu lesen und wie wir gesehen haben, bleiben in Faust I viele Fragen offen; vielleicht sollte man Montaignes Erziehungsratschläge beherzigen und Schülern die Lektüre nur zur freiwilligen Entdeckung anbieten. Aber das ist leichter gesagt als getan. Lesen kostet viel mehr Energie als zu glotzen. Wir können Montaigne noch im weitesten Sinn der Renaissance zurechnen, er zitiert häufig Werke der Antike und stößt in seinen Essays auf wertvolle Erkenntnisse über sich und seine Mitmenschen. So können auch wir - gerade heute - auf den klassischen Werken aufsetzen, um uns neu zu entdecken.
Beim Kopieren geht bekanntlich Information verloren, so auch, wenn wir statt Goethes Original nur die Zusammenfassung eines Large Language Models (LLM) über Faust I lesen. Die Lektüre des Originals bietet darüberhinaus den weiteren Vorteil, dass es den Inhalt nicht verzerrt wiedergibt und dass es keinem Manipulationsverdacht unterliegt. Die Zusammenfassung eines LLMs mag bessere Zensuren erhalten als die Zusammenfassung eines Schüler oder eines Studenten, weil das LLM weiß, was der Zensor erwartet, die persönliche Auseinandersetzung, das persönliche Erleben ersetzt sie nicht. Das LLM zieht keinen Mehrwert aus dem Werk, ich beim Lesen und darüber Reden schon.
Margarete:
Gericht Gottes! dir hab ich mich übergeben!
Mephistopheles (zu Faust):
Komm! komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich.
Margarete:
Dein bin ich, Vater! Rette mich!Ihr Engel! Ihr heiligen Scharen,Lagert euch umher, mich zu bewahren!Heinrich! Mir graut's vor dir.
Mephistopheles:
Sie ist gerichtet!
Stimme (von oben):
Ist gerettet!
Mephistopheles (zu Faust):
Her zu mir!
(Verschwindet mit Faust.)
Stimme (von innen, verhallend):
Heinrich! Heinrich!
Ich folge einstweilen Montaignes innovativem Ansatz. Faust, der Tragödie zweiter Teil, wartet auf mich. Doch was erwartet mich, ein schwerer Stein oder ein wahrer Schatz?


