Die schöne neue Welt von Aldous Huxley kommt schneller als man denkt
- 4. Feb.
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Die ‚Schöne neue Welt‘ von Aldous Huxley kommt schneller als man denkt
Aldous Huxley blickt in seinem Roman - sollen wir ihn eine Dystopie oder Science Fiction nennen - einige Jahrhunderte in die Zukunft. Die Gesellschaft ist totalitär und streng hierarchisch organisiert.
Huxley übersprang das digitale Zeitalter mit überragender Weitsicht. Erledigen Menschen ihnen übertragende Aufgaben nicht mit einem geringeren Energieverbrauch als Maschinen, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz? Vielleicht nicht so akkurat, aber kommt es immer darauf an?
Man fragt sich nach dem Lesen des Romans, wer Huxleys gigantische Biomaschine steuert. Könnte es sich um eine der heute beschworenen Superintelligenzen handeln, die festgestellt hat, dass es ausreicht, das Limbische System der Menschen unter Kontrolle zu bringen, deren Lüste und Gelüste zu befriedigen und Brot und Spiele zu organisieren?
Menschen werden nicht gezeugt und geboren, sondern in Fabriken durch Klonen erzeugt; der Embryo wird in künstlichen Gebärmüttern zum Baby entwickelt und je nach Klasse einheitlich erzogen. Alphas mit den höchsten intellektuellen Fähigkeiten stehen an der Spitze der Gesellschaft. Die unteren Klassen bis hin zu den Epsilons werden als identische Klone in größerer Anzahl mit stark beeinträchtigten intellektuellen Fähigkeiten gezüchtet, indem die Embryonen mit Substanzen gezielt geschädigt werden; Gammas und Epsilons werden häufig in Fabriken eingesetzt und führen dort einfache Arbeiten aus.
Als wichtiges Erziehungsmittel setzt die autoritäre Ordnung auf die gezielte Indoktrination durch Mantras, während die Kinder und Heranwachsenden schlafen. Emotionale Reaktionen werden am effizientesten durch die Droge Soma unterbunden.
Höchstes gesellschaftliches Ziel ist die Aufrechterhaltung der weltumspannenden, totalitären Ordnung; im Gegenzug gewährt der Staat dem Individuum höchstmögliche Konsum- und Lustbefriedigung. Die Biotechnologie ist soweit entwickelt, dass Individuen nicht krank werden und nicht altern, solange sie leben. Haben sie ein gewisses Alter erreicht, sterben sie in speziell dafür ausgelegten Einrichtungen.
Obwohl Kontrazeptiva erst in den sechziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts auf den Markt kamen, stattete Huxley die Frauen bereits damit aus, auf dass es bei der frei praktizierten sexuellen Ausübung nicht zu Schwangerschaften kommt. Männer unfruchtbar zu machen, kam ihm beim Schreiben nicht in den Sinn. Liebe ist nicht vorgesehen und durch die internalisierten Mantras ausgeschlossen.
Die oberste Gesellschaftsschicht überwindet größere Strecken in Gefährten mit Raketenantrieb - in Jets, kürzere in Helikoptern, die unteren Gesellschaftsschichten fahren in Bahnen, die in Huxleys Roman tadellos funktionieren. Die Alphas verbringen den Urlaub an exotischen Orten wie dem Nordpol oder in eingezäunten Reservaten, wo sogenannte „Wilde“ leben. Die autoritäre Führung gönnt eben jedem Mitglied der Gesellschaft sein eigenes Plaisierchen. Das darf für die Alphas ruhig etwas extravaganter ausgefallen. Duftorgeln erhöhen das Wohlbefinden für alle.
Die öffentliche Freizeitgestaltung beschränkt sich auf Fühlfilmkinos und größere Sportveranstaltungen. Die Musik ist standardisiert und kommt aus allen Lautsprechern. Klassiker werden nicht gelesen; ein Weltbereichsleiter bewahrt eine Sammlung in einem Tresor geschützt vor dem Pöbel auf; sie sind nur den Mächtigsten zugänglich. Die unteren Gesellschaftsschichten können ohnehin nicht lesen, schreiben und rechnen.
Das ein oder andere mag uns bekannt vorkommen; das ist nicht beabsichtigt und rein zufällig. Oder wir bewegen uns gerade in einer digitalen Zwischenwelt, die uns Huxleys Schreckensvision, der menschlichen Entmündigung, der totalen Verklärung, einer neuen Dunkelheit näher bringt.
Wie gesagt, die „Wilden“ leben in Reservaten, in Stammesgesellschaften, beten statt Ford Gott und Götter an, praktizieren Rituale, singen und tanzen ihre Ahnen, ihre Geschichte, die Einbettung in den Kosmos, ihre Namen, feiern Initiationsriten, sanktionieren Normverletzungen, werden fett und sterben an Verletzungen und Krankheiten; die kleinste gesellschaftliche Einheit bildet Mann und Frau, die ein Leben lang zusammenbleiben (sollen, müssen). Ob die kommende Superintelligenz (vgl. meinen Essay über Faust I) eine solch eingehegte Parallelwelt als Folklore zulassen wird?
Huxley schrieb das Werk Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Bewusstseinskontrolle, die Kontrolle über die Narrative, die emotionale Kontrolle, wie sie vor sechzig Jahren der Stammtisch, heute die Echokammern der Staatsmedien und der Sozialen Medien und morgen die Chatbots und KI-Agenten (vgl. meinen Essay über Deadbots und Emotionale Bots) nur unzureichend ausgeübt haben, ausüben und ausüben werden, löst Huxley biologisch, soziologisch und psychologisch.
Emotionen werden in der schönen neuen Welt unterdrückt, während Menschen heute emotional gezielt aufgerührt werden, um sie zu einem bestimmtem Denken, Fühlen und Handeln zu motivieren. Nichts setzt im Körper so viel Energie frei wie Gefühle, doch ein Übermaß an menschlicher Energie braucht es in einer autoritären, totalitär geregelten Gesellschaft nicht.
Immerhin findet Huxley für uns tumbe Toren noch einen Platz im Kosmos, auch wenn wir in dem Werk zu stumpfsinnigen, biologischen Maschinen mutieren. Das ist ihm hoch anzurechnen. Huxley war Humanist und glaubte insgeheim an eine menschliche Zukunft.
‚Brave New World‘ ist unbedingt lesenswert, nicht weil Huxley zu unvorstellbaren literarischen Höhenflügen ansetzte, da greife man eher zu Werken von Shakespeare, Goethe, Schiller, Austen, Proust, Balzac, Flaubert, Kafka, Tolstoi oder eine oder einen den vielen anderen großartigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die vor der Geburtsstunde von Large Language Models veröffentlicht wurden; der Roman ist unbedingt lesenswert, weil Huxley Themen überaus klug verhandelt, über die heute nachzudenken wichtiger ist denn je.
„O, wonder!
How many goodly creatures are there here!
How beauteous mankind is!
O brave new world,
that has such people in’t!“
(Aus Shakespeares Drama „Der Sturm“)


