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Stolz und Vorurteil von Jane Austen

  • 17. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Stolz und Vorurteil von Jane Austen


Was man im vorgerückten Alter noch alles entdecken kann! Ich las kürzlich eine Taschenbuchausgabe von „Stolz und Vorurteil“ (vom Insel Verlag); im Anhang findet sich ein lesenswerter Essay über den vergnüglichen Roman, außerdem quillt die Sekundärliteratur allein schon im digitalen Raum über, sodass ich mir Wiedergabe des Inhalts und Interpretationsversuche mit gutem Gewissen erspare; diese Freiheit nehme ich mir fast immer, wenn ich darüber schreibe, wie mich eine Lektüre anrührt.


Hatte ich in meinem Essay, in dem ich die Gründe erforschte, weshalb ich alte Schinken lese, erwähnt, dass uns Romane Denken, Fühlen und Handelsantriebe der Protagonisten wie auch deren Beobachtung des gesellschaftlichen Umfeldes und deren Rolle darin ausleuchten? Gleichwohl uns Dialoge ins Innenleben der handelnden und redenden Figuren blicken lassen, sehen wir in Stolz und Vorurteil das gesellschaftliche Geschehen und die Kommentierung dessen ansonsten in erster Linie durch die Linse der Hauptfigur Elizabeth Bennet oder so wie sie es in Worte fassen würde. Witz und Ironie sind kaum von den Äußerungen Elizabeths in Dialogen und Gedanken zu unterscheiden. Jane Austen ist ein überaus interessanter Gesprächspartner.


Auch wenn oder gerade weil Landadel, Familien von Pfarrern und reichen Kaufleuten und deren Luxusprobleme aus dem England des 18. Jahrhunderts nicht zu unserem unmittelbaren Lebensumfeld und Erfahrungshorizont zählen, existenzielle Krisen wie lebensbedrohliche Krankheiten, Hunger und Tod, die Armut der niederen Klassen, Ausbeutung der Kolonien und die sich anbahnenden gesellschaftlichen Verwerfungen der industriellen Revolution gar nicht oder kaum angedeutet werden, lesen wir das Werk mit großem Gewinn.


Wir kämpfen genauso mit unseren alltäglichen Herausforderungen und blenden deswegen vieles aus, was uns berühren sollte; wie die Hauptfiguren im Roman, sehen wir uns hinein geworfen in ein von gesellschaftlichen Konventionen, Denkweisen und beschränkten Optionen vorgeformtes Leben und nehmen Anteil, wie eine intelligente, geistreiche, junge Frau und ein reicher, dünkelhafter, junger Mann - tief im Herzen schlummert das edle Gemüt und zeigt sich allmählich, einen Läuterungsprozess bewältigen, an sich und der Welt leiden und schließlich zueinander finden. (Fast hätte ich unpassenderweise ergänzt: falls wir uns oder Teile der Gesellschaft einigen Missständen professionell zuwenden, verlieren wir dafür alle anderen aus dem Blick.)


Neben Elizabeth und Darcy laufen noch zahlreiche andere Pärchen in den Hafen der Ehe ein. Jane Austen stellt ihnen in ihrem zukünftigen Leben so viel materielle Mittel zur Verfügung, wie sie aufgrund ihrer Intelligenz, moralischen Integrität, edlen Gesinnung und dem zu erwartenden Beitrag zum Gemeinwohl verdienen.


Herrlich! Witz, Ironie und Komik, die das Werk durchziehen, die wohl gewählte Struktur des Romans, die einem klassischen Drama ähnelt, treffende Formulierungen vom ersten bis zum letzten Satz verraten uns, dass es im wirklichen Leben nie so zugeht. Mag die Gesellschaft so sein, wie ich sie nicht will, dann sorge ich wenigstens in meiner Satire dafür, dass sie so ist, wie ich sie gerne hätte.


Wie Elizabeth und Darcy jeweils gesellschaftlichen Hochmut, Vorurteile, die aus der eigenen Intelligenz und dem entwickelten Scharfsinn wohl genährte Überheblichkeit und Dünkel beiseite schieben, wie sie sich die eigenen Schwächen und die des anderen im Blick behaltend dabei kennenlernen, bis sie sich gleichwertig in die Augen blicken, entbehrt dem Spott der Autorin. Beide sprechen von Anfang an aufrichtig zueinander, mit den anderen und zu uns.


Doch geht der Roman weit über eine plumpe Satire hinaus. Jane Austen trägt Klassenkritik subtil und subversiv vor; selten belohnen gesellschaftliche Konstellationen Personen nach dem Grad ihres Edelmuts und ihrer Verdienste fürs Gemeinwohl weder wirtschaftlich noch im Hinblick auf deren gesellschaftliches Ansehen. Je mehr Elizabeth, die wir gerne ins Herz schließen, Darcys Reichtum gewahr wird, desto stärker entflammt ihre Zuneigung und Liebe. Natürlich nicht deswegen.


Austen treibt ein perfides Spiel mit mir. Sie lässt mich an der Handlung teilhaben, den Gedanken der Figuren folgen, lässt mich mitfühlen und schubst mich von einem Augenblick auf den nächsten in die Beobachterrolle, wie das richtige Leben und das noch Tage, nachdem ich die Lektüre beendet habe. Das ist beste Unterhaltung auf samtweichem Boden, Kilometer über dem Abgrund, denn was bleibt übrig, wenn wir unseren Stolz und unsere Vorurteile beiseite schieben?


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