Proust im Zeitalter von Large Language Models
- 23. Mai
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Proust bewegt Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - À l‘ombre des jeunes filles en fleurs
Ich kam mir machmal vor wie ein Voyeur, der durchs Schlüsselloch guckt oder eine Drohne mit einer Kamera über ein Privatgrundstück fliegen lässt und beobachtet, was hinter den verschlossenen Mauern vor sich geht, nur dass ich stattdessen verbotenerweise in jemandes Kopf dessen bewusstes Fühlen und Denken verfolgte, wie wenn ich zufällig ein Tagebuch fände und anfinge, darin zu lesen - ohne vorher das Einverständnis der Besitzerin oder des Besitzers eingeholt zu haben, so wie wir mit den Tagebüchern von verstorbenen öffentlichen Persönlichkeiten, Künstlern und Schriftstellern umgehen. Nun suchte Proust mit seinen Büchern Leser und Ruhm, doch rechtfertigt das, mich an der Proust’schen Seelen- und Gesellschaftsschau derart zu laben, zumal der Ich-Erzähler nicht nur das eigene Denken, Fühlen und Handeln, sondern auch das seiner Zeitgenossen in den Fokus seiner Hochgeschwindigkeitskamera mit nahezu unendlicher Vergrößerung nimmt?
Während ich durch die Gedankenwelt des Ich-Erzählers spaziere, fällt mir auf, wie er teils nachdem er die Außenwelt, seine Umgebung, eine Skulptur, eine Kirche unmittelbar wahrgenommen hat oder nachdem ihm ein Bekannter oder eine Bekannte auf andere Aspekte einer idealisierten Person vor Augen geführt hat, die Idee der Figur, eines Gebäudes neu konstruiert, diese leibhaftig, wahrhaftig und wahr in ihm wird, auch wenn die neue Anschauung der bisherigen diametral entgegen steht, wie er eine neue Erinnerung davon schafft, während die alte lebhaft, daneben bestehen bleibt.
So stehen zunächst gleich drei Erinnerungen nebeneinander. Die idealisierte, fantasierte, der ein Buch, eine Fotografie, eine Phantasie zugrunde liegen mag, die Erinnerung, entstanden durch das Erleben der Enttäuschung und die Erinnerung an die neu geschaffene Figur. Der Ich-Erzähler konstruiert und erinnert dabei Gesamteindrücke von Personen, sozialen Konstellationen, Skulpturen, Bildnissen, Gebäuden und Landschaften, die sich in den ausschweifenden Beschreibungen aus schier unzähligen Details speisen.
Der Ich-Erzähler konstatiert, dass nicht Verstand und Gefühl seine Handlungen auslösen, sondern ein ihm verborgener Wille. Verstand und Gefühl begleiten die Wahrnehmungen und Handlungen. In diesem Feld forschen und debattieren Neurowissenschaftler, Philosophen und Sozialwissenschaftler auch heute noch intensiv und kontrovers.
Ich weiß nicht, ob Proust Schopenhauer und Nietzsche studiert hatte; der Ich-Erzähler destilliert Überzeugungen aus der Introspektion, indem er sein Innenleben in vage bleibender Präzision in Worte fasst, sodass die Unvollständigkeit der Beschreibung beim Lesen immer mitschwingt; das Vage in der Beschreibung mag auch daher rühren, dass er Anschauungen zugunsten einer neuen verwirft.
Welche Rolle spielen in diesem Prozess die neu gewonnenen Einsichten, die der Ich-Erzähler nach einer Unterhaltung oder nach unmittelbarer Wahrnehmung - wie beispielsweise nach dem Besuch der Kirche in Balbec - konstruiert? Welche Erkenntnis entspringt eigener Anschauung und was übernimmt er vom sozialen Umfeld? Oft weiten die Worte eines bewunderten Künstlers den Horizont seines Wahrnehmens, Denkens und Fühlens. Er entwickelt eine neue Haltung zu Menschen, Dingen, Tonfolgen, Landschaften, die er nach dem Erleben der Musik, der Malerei und des geschriebenen Wortes und dann nach der Kommunikation darüber veranschaulicht.
Die letzte Instanz ist die im Prozess gewonnene Erkenntnis, die innere Überzeugung des Ichs, wobei der Ich-Erzähler die vorausgehenden Erkenntnisstufen mit erinnert, vielleicht verwirft, aber nicht vergisst, indem er sie durch die Niederschrift verewigt. Hierin unterscheidet sich die Vorgehensweise des Ich-Erzählers beim Erinnern und Nachdenken von der meinen. Meist überschreibe ich alte Überzeugungen mit neuen, ohne die vorherigen zu vergegenwärtigen. Sie geraten in Vergessenheit, wobei das jeweils lebende Narrativ immer die Überlebensfähigkeit projektiert.
Wenn wir mit dem Ziel erinnern, das Überleben zu sicherzustellen, gibt es dann überhaupt eine authentische Erinnerung, ist diese überhaupt notwendig? Braucht es einen Madeleine-Effekt? Und ist die unwillkürliche Erinnerung, in die Proust auf der Suche nach der Wahrhaftigkeit des Gewesenen so viel Hoffnung setzt, nicht auch verklärt?
Wenn ich ein Madeleine in Lindenblütentee tunke und das trunkene Gebäck hernach in meinem Gaumen zergehen lasse, erinnere ich allenfalls das Lektüreerlebnis; das ist dann aber keine unwillkürliche Erinnerung und dennoch glaube ich gerne an den beschriebenen Effekt, glaube, Ähnliches selbst erlebt zu haben, glaube an die unverfälscht erlebte Erinnerung, die auftaucht wie ein Schatz aus der Vergangenheit, die der Zeit getrotzt und sich in deren Verlauf nicht verändert hat, an die Wärme eines in der Vergangenheit warm und tief empfundenen Gefühls. Schätze bereichern das Leben.
Manch ein Schlüsselreiz ruft ein schreckliches Erlebnis ins individuelle oder kollektive Bewusstsein. Niemand will, dass es im Bewusstsein wütet. Und doch müssen wir uns solchen Eruptionen immer wieder stellen. Vergessen und Verdrängen wirkt nur bedingt. Erlebtes Grauen brodelt wie Magma im individuellen und kollektiven Unbewussten. Was im Bewusstsein wabert, verändert sich. Erleben wir den Madeleine-Effekt nur einmal?
Wie verändert das unmittelbare und das mittelbare Aufschreiben die willkürliche und unwillkürliche Erinnerung und ist es nicht auch entscheidend, wer wann das Geschriebene oder gar das Aufgenommene mit welcher Intention rezipiert? À l‘ombre des jeunes filles en fleurs lotet der Ich-Erzähler seine berufliche und amouröse Zukunft aus.
Wer Antworten auf existenzielle Fragen sucht, die über die bloßen Grundbedürfnisse hinausgehen, aufgeschlossen liest und längere Sätze und komplexe Gedankengänge nicht scheut, wird bei der Lektüre fündig; manch einer oder eine wird sensibilisiert, eigene Widersprüche zu erkennen, fühlt sich herausgefordert, das eigene Denken, Fühlen und Handeln zu hinterfragen, das soziale Umfeld genauer und unvoreingenommener zu beobachten und zu bewerten. Man muss die dabei gewonnenen Erkenntnisse nicht wie Proust zur Schau stellen, verschweigen sollte man sie keinesfalls. Sie sind mitunter ein wertvolles Gut im öffentlichen Raum.
Lösen Verstand und Gefühl Handlungen aus, zu denen wir auch Wahrnehmen zählen können oder ein uns verborgener Wille, ein Algorithmus des Lebens? Das vielleicht imaginäre Ich oder Wir, das wir als viele Ichs verstehen, obwohl es sich nur aus verbalen und nonverbalen Versatzstücken von Individuen speist, mag nicht mehr als eine Krücke sein; eine Krücke, auf die wir uns stützen, ob willentlich oder nicht, ist es allemal.
Wie ich die Funktionsweise von Large Language Models verstanden habe, funktionieren sie nicht nach dem oben beschriebenen Schema. Damit sind sie nie in der Lage, die oben angedeutete Intelligenz zu entwickeln und schon gar nicht Worte, Bilder, Filme, Skulpturen in der realen Welt zu kreieren, die - wenn überhaupt - über die bloße Überlebensfähigkeit hinausgehen, eine Fähigkeit, die den meisten Menschen eigen ist, von der sie - zugegeben - selten Gebrauch machen, auch wenn der Vers, die entwickelte Vorstellung, das Bild, die Skulptur, die Tonsequenz in der realen Welt keine Resonanz findet oder das sozialen Miteinander nicht durchsetzt.
Stimmt das? Wie sollen wir KI generierten Katzenvideos oder Deep Fakes, die künstlich generierten Hassparolen bewerten? Geht dieses künstlich Geschaffenen nicht ebenso über bloßes Reproduzieren einer Maschine aus Vorgefundenem hinaus? Im Jahre 1916 wurde Marcel Duchamps erstes Read-Made, ein Fahrrad-Rad, das er 1913 geschaffen hatte, ausgestellt. Prousts erster Teil des Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Du côté de chez Swann“ erschien 1913, „À l‘ombre des jeunes filles en fleurs“ 1919. Das durch die KI-Geschaffene wird erst dann zu einem menschlichem Beitrag, wenn es eine Menschenhand auf ein Podest stellt, wird insbesondere dann gefährlich, wenn eine Menschenhand deren Verbreitung betreibt oder diese in Kauf nimmt. Ob das so bleibt, hängt von der nächsten Generation der Maschinen ab.
Ein Large Language Model (LLM) hat überhaupt keine Hemmungen auf Geschriebenes, Fotos, Filme oder was auch immer digital vorliegt, zuzugreifen; Maschinen kennen keine Scham; Scham ist ein menschliches Gefühl. Eine Logik zur Verifikation des Geschaffenen oder des Vergleichens mit einer Analyse der natürlichen Umgebung und der Einordnung in diese kennen die Modelle derzeit nicht. Wer auch immer in die limitierte Technologie investiert, sollte dies im Auge behalten. Worauf wirft die Maschine ihren Blick? Der Ausgabe eines LLMs geht ein Prompt voraus.
Proust hat keine Antwort auf die Frage, worauf der Ich-Erzähler seinen Blick richtet und warum er tut, denkt und fühlt, was er tut, denkt und fühlt. Warum sollte eine menschlich geschaffene künstliche Intelligenz das besser können als Proust oder die Natur? Von einem Willen auszugehen, der uns beseelt, ist nur eine weitere unberechenbare Krücke. Der größte anzunehmende Unfall in der Entwicklung zukünftiger künstlicher Intelligenzen dürfte das Ende der menschlichen Zivilisation sein.
Doch das ist nicht der einzige Bereich, auf den wir ein waches Auge richten sollten, wenn wir überleben wollen. Quellen, um immer wieder aufzuwachen, finden sich überall, selbst wenn man in Fiktionen eintaucht, die vor mehr als Hundert Jahren geschaffen wurden, kann man die nötige Erfrischung finden.


