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Montaigne - Versuch einer Annäherung

  • 6. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Montaigne - Versuch einer Annäherung


Ich hätte heute gerne über die Gedanken geschrieben, die mich bewegten, als ich Montaigne vor über zehn Jahren kennenlernte. Lange bevor ich YouTube Videos konsumierte - das Wort „konsumieren“ beschreibt das lästige Treiben am besten -, weckte in einer Buchhandlung die Neuübersetzung einiger seiner Essays meine Aufmerksamkeit; ich kaufte das Buch; es ist ein schmal und umfasst nur einen kleinen Auszug des umfangreichen Werks des Philosophen, Bürgermeisters, Landadligen, Gutsbesitzers, Reisenden. Die Erinnerung an das Leseerlebnis dürfte durch die Zeit, die inzwischen verstrichen ist, die tagtäglichen Erfahrungen im vergangenen Jahrzehnt und den Konsum der Videos über sein Schaffen in den letzten zwei Jahren gefärbt oder gar verfärbt worden sein. Inzwischen nehme ich die geliebte, umfangreichere Ausgabe von Manesse vielleicht einmal die Woche in die Hand, schlage sie irgendwo auf, blättere vor und zurück und lese dann einen Essay.


Das Lesen des Originals erdet.


Ich meine mich zu erinnern, dass ich bereits vor zehn Jahren Montaignes Werk gesunden Menschenverstand attestierte. Montaigne verzichtet darauf, die Leser belehren zu wollen, kommt ohne Dünkel daher, schöpft Erkenntnis aus dem eigenen Leben, auch aus den eigenen Unzulänglichkeiten, widerspricht sich mitunter; er fängt mit einem Thema an, indem er einen Anker auswirft, lässt die Gedanken schweifen, mäandern und kommt dabei zu erstaunlichen Einsichten, die man teilen kann aber nicht muss; manchmal reißt die Ankerkette und wenn man kein gutes Gedächtnis hat wie Montaigne und ich, vergisst man, mit welchem Thema er angefangen hat, bis man zurück blättert.


Sein geliebter Freund Étienne de La Boëtie vermachte ihm seine umfangreiche Büchersammlung, die neben dem regen Verstand, der Selbstbeobachtung, der Analyse der sozialen, religiösen und politischen Verhältnisse und Montaignes Platz im brutal ausgefochtenen Religionskrieg seiner Zeit sowie der Erfahrungen in den verschiedenen Tätigkeiten, denen er nachging, Quelle der Erkenntnis war.


Im Handbüchlein der Moral von Epiktet, das ich inzwischen gerne zitiere, lese ich: „Wenn es dir einmal passiert, dass du dich der Außenwelt zuwendest, weil du jemanden für dich einnehmen willst, so wisse, dass du deine Lebensmaxime verraten hast. Darum sei damit zufrieden, immer und überall Philosoph zu sein; willst du überdies als solcher gelten, so betrachte dich selbst als solchen; das wird dir genügen.“ (aus Bleib deiner Maxime treu.) Epiktet legte Wert auf die praktischen Aspekte der Philosophie, die sich im Tun zeigen.


Montaigne widmete sein Werk, wie er schreibt, „dem persönlichen Gebrauch seiner Angehörigen und Freunde ...“ und doch ließ er es veröffentlichen. „So bin ich selber, Leser, der einzige Inhalt meines Buches; ….“ Er verschweigt seine Fehler nicht und doch kommentiert er auch das Verhalten seiner Mitmenschen kritisch. Er beschäftigt sich mit inneren Einstellungen, insoweit sie Ursache des ein oder anderen Verhaltens werden.


Die wichtigsten Betrachtungsobjekte bleiben der eigene Körper, die eigene Seele, das eigene Tun. Einsichten und Verhalten seiner Mitmenschen dienen der Selbstreflexion, der Selbsterforschung. Indem er uns an diesem Vorgang teilhaben lässt, weckt er den Impuls, es ihm gleich zu tun. Die Fülle der Themen, denen er Aufmerksamkeit schenkt, kommt mir unerschöpflich vor, obwohl die Anzahl der Essays trotz ihrer Fülle endlich ist.


Über die Introspektion, die Beobachtung der Mitmenschen, Ausflüge in die Geschichte, in die Werke antiker Schriftsteller und Philosophen entstehen Betrachtungen über Gefühle, die Seele, den Willen, Gut und Böse, eigene Unzulänglichkeiten, die mir bekannt vorkommen (siehe oben), über Freundschaft - einer seiner bekanntesten Essays, über Facetten des menschlichen Charakters, mit denen man täglich in Berührung kommt oder an die man im Traum nicht denkt, eine volle Schatztruhe, die ich gerne immer wieder von Neuem entdecke, die mir erlaubt, darüber nachzudenken, wie ich mich verändere.


Manchmal finde ich eigene Einsichten in einem Werk formuliert, das vor über 400 Jahren niedergeschrieben wurde. Man muss nicht einmal den Staub von den Worten klopfen, wenn man eine moderne Übersetzung liest.


Wie leicht muss es in seiner Zeit gewesen sein, sich von den Massenhysterien, den Emotionen beherrschen zu lassen, den Kopf zu verlieren in den Narrativen der ein oder anderen Partei. Die Emotionen des 16. Jahrhunderts, die Narrative kamen und gingen, Montaignes Werk blieb und wirkt bis heute fort, zumindest solange ich lebe und lese.


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