Ein Schwächeanfall - Am Liebsten würde ich mich jetzt hinlegen
- 27. März
- 2 Min. Lesezeit

Ein Schwächeanfall - Am Liebsten würde ich mich jetzt hinlegen
Am Liebsten würde ich mich jetzt hinlegen. Morgen übergebe ich die Mietwohnung. Hoffentlich. Die wichtigsten Möbel sind in der neuen Bleibe, den Rest hat heute eine Entrümpelungsfirma abgeholt, inklusive der Waschmaschine. Die hätten wir gerne mitgenommen. Wir kennen unsere Grenzen. Sie war uns zu schwer.
In der gemieteten Dreizimmerwohnung stehen jetzt noch ein Tisch und zwei Stühle. Küche und Bad sind betriebsbereit, mussten aber akribisch geschrubbt und gereinigt werden, wie Fenster, Böden und Fliesen. Der Fingerabdruckscanner meines Smartphones reagiert nicht mehr auf meine Berührung.
Am Liebsten würde ich mich jetzt hinlegen. Ich bin so müde. Seit Sonntag Abend schlafe ich auf einer Luftmatratze, aus der seit Montag die Luft entweicht. Nach einer Stunde auf der Matratze, die ich jeden Tag neu aufpumpe, wobei mir schwindlig wird, fühle ich den harten Boden in den Hüftknochen, der Schulter, den Knien, den Knöcheln oder dem Becken und vor allem im Gehirn. Das Leben in der Zivilisation verweichlicht. Die Yogamatte lindert den Schmerz.
Am Liebsten würde ich mich jetzt hinlegen. Stattdessen sitze ich auf einem Stuhl, vor dem Tablet,
das auf dem Tisch steht und hacke auf die Tasten der Tastatur, sodass dieser Text entsteht. Schreiben beruhigt. Mit dem Schreiben schwindet das Bedürfnis, mich hinlegen zu wollen.
Die körperliche Anstrengung raubt mir die Energie zum Lesen. Selbst das populärwissenschaftliche Buch darüber, was die Physik über die Welt und das Leben verrät, ist mir zu anstrengend, als dass ich mich kritisch damit auseinandersetzen und es mit Gewinn lesen könnte. Mehr als Nachrichten, vielleicht einen leichten Artikel in einem Magazin kann ich nicht verdauen.
Die Anstrengungen der körperlichen Arbeit, die Erledigung der notwendigen Aufgaben, die Ungewissheit, ob alles so klappt, wie ich mir das ausgemalt habe, belasten das Denken. Die daraus resultierende Müdigkeit wirkt auf die Gedanken wie ein schwarzes Loch. Ist das eine Alterserscheinung? Wenn Sterne sterben! Wenigstens wird mir beim Schreiben klar, wie ich mir die Ausgestaltung meines Lebens vorstelle. Da grenzt es fast an ein Wunder, dass ich dieser Tage, einen Essay veröffentlicht habe.
Ich ziehe einfach wenig Befriedigung aus körperlicher Arbeit und der Abarbeitung von To-Do‘s. Und trotzdem musste es sein. In einer Woche werde ich ganz anders darüber denken. Ich werde mir für das Verlassen der Komfortzone auf die Schultern klopfen, bestimmt mit Stolz daran zurückdenken und unsere Leistung feiern. Eine gute Flasche Wein haben wir bereits letzte Woche nach Erreichen des Etappenziels „Einrichtung der neuen Bleibe“ getrunken.
Am Liebsten würde ich mich jetzt hinlegen. Sofa und Bett stehen woanders. Hier wartet nur der harte Boden auf mich. Wenn dieser Ausblick den Schwächeanfall nicht rechtfertigt!


