Über Kutschen und Hochgeschwindigkeitszüge
- 31. März
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Über Kutschen und Hochgeschwindigkeitszüge
Dass die Fahrt von Karlsruhe nach Sète so beschwerlich wird, hätte ich in meinen schlimmsten Alpträumen nicht erwartet. Ich hatte großzügig einen Zeitpuffer von einer Stunde eingeplant, um mit dem Zug von Karlsruhe nach Straßburg zu gelangen, also zwei Stunden insgesamt. Bis kurz vor Offenburg war ich zuversichtlich, den TGV in Straßburg Richtung Paris pünktlich zu erreichen. Von dort sollte es weitergehen nach Montpellier und mit einem Lokalzug weiter nach Sète. Doch dann hielt der ICE kurz vor dem Bahnhof Offenburg auf offener Strecke, fuhr bald weiter, fuhr weiter und weiter, bis die Durchsage kam, der Zug sei leider am Bahnhof vorbeigeleitet worden.
In Offenburg hätte ich umsteigen müssen. Eine nette Stimme entschuldigte sich, der Fahrdienstleiter hätte einen Fehler gemacht. Zuggäste, die in Offenburg hätten aussteigen wollen, sollten mit einem Regionalexpress um 8.42 Uhr von Freiburg zurück nach Offenburg fahren. Ankunft in Offenburg: 9.23 Uhr statt 7.29 Uhr. Somit war ausgeschlossen, dass ich mit den gebuchten Zügen, Sète um 16.33 Uhr erreichen würde. Es war mir leider nur möglich, das Zugticket nach Paris zu stornieren.
Was sollte ich tun? Nach Hause zurückkehren und es am nächsten Tag wieder versuchen mit der Aussicht, dass mich ein ähnliches Schicksal ereilt - negative Erfahrungen erschüttern Vertrauen. Eine alternative Route über Basel kostete über den doppelten Preis wie meine ursprünglichen Tickets. Ich entschied mich für eine TGV Verbindung nach Montpellier mit planmäßiger Ankunftszeit in Sète gegen Mitternacht, über Lyon, wo ich würde umsteigen müssen. Von Sète aus würde ich dann 17 km zu Fuß gehen müssen. Jetzt sitze ich auf einem beschissenen Platz direkt neben der Tür zum Bordrestaurant, die ständig auf und zu geht. Gerade steht der Zug außerplanmäßig. Wann er weiterfährt, ist ungewiss.
Zwischen 10.10 Uhr und 13.00 Uhr spazierte ich durch Straßburg. Genießen konnte ich den ungewollten Ausflug nicht. Anfangs fielen Regentropfen, der Wind wehte kalt, die Temperaturen lagen knapp über dem Gefrierpunkt. Ich hatte mich für die Frühlingsjacke entschieden, weil es im Zielort die nächsten Tage über 16 Grad warm werden soll. Wie hätte mich die pittoreske Altstadt, das imposante Münster, die hübsch restaurierten Fachwerkhäuser, die Brücken über die Kanäle berühren können, während die falschen Proteine im Blut zirkulierten, während ich fror? Wenigstens schneite es nicht.
Der TGV rollt wieder mit Hochgeschwindigkeit, die Tür neben mir geht auf und zu und jedes Mal erwischt mich ein unangenehm kalter Luftzug. Schräg gegenüber erheitert sich ein junger Mann über ein Tier in einem Pappkarton, das komische Geräusche von sich gibt. Regen klatscht gegen das Zugfenster. Die Wassertropfen gleiten jetzt fast senkrecht über die Scheibe nach unten. Nächster Halt: Muhlhouse.
Bis weit ins 19. Jahrhundert reisten die Menschen auf dem europäischen Kontinent in Kutschen. Man legte 40 bis 60 Kilometer am Tag zurück. Die Reise von Karlsruhe nach Sète dürfte annähernd einen Monat gedauert haben. Wie komfortabel die Kutsche gefedert war, hing vom Geldbeutel ab. Klimaanlagen gab es nicht einmal in den edelsten Gefährten. Im Sommer war es zu heiß, im Winter zu kalt. Der Duft der Pferde war eher zu ertragen als die Ausdünstungen der Mitreisenden. Wie oft mag die Achse oder das Rad gebrochen sein? Der Tag endete in einem Gasthaus, einem verwanzten Bett oder einem Heuschober, ehe man am nächsten Morgen die Reise fortsetzte.
Bevor ich „Fabelhafte Rebellen“ von Andrea Wulf gelesen hatte, kam mir nie in den Sinn, über die Strapazen des Reisens im 19. Jahrhunderts nachzudenken. Vielleicht empfanden die Reisenden damals die zu ertragenden Komforteinschränkungen wie ich heute die Unpässlichkeiten der Zugfahrt nach Sète. So oft ich auch umsteigen, Zug, Bahn und Bus wechseln muss, vor zweihundert Jahren hätte ich über eine solche Distanz viel öfter ein- und aussteigen müssen und wäre wesentlich weniger Menschen begegnet, hätte aber intensiveren oder überhaupt Kontakt mit den Mitreisenden gehabt. Begegnen schreibe ich leichtfertig dahin. Begegnen impliziert einen Austausch, einen Blickkontakt, ein Lächeln, einen Wortwechsel. Nichts dergleichen ereignet sich, wenn ich Zug fahre, es sei denn, ich stoße aus Versehen mit jemandem zusammen, ich rücke zur Seite, mache Platz oder mir weicht jemand aus und ich bedanke mich.
Im 16. Jahrhundert galten Kutschen als technisch innovative Reisegefährte. Quellen im Internet behaupten, Montaigne sei lieber auf dem Rücken eines Pferdes gereist.
Montaigne thematisiert in seinem Essay „Über Kutschen“ die Unterwerfung südamerikanischer Königreiche durch die Europäer. Technisch überlegene Waffentechnik gepaart mit jeglichem Mangel an Tugendhaftigkeit und moralischen Skrupeln ermöglichte es den „Europäern“, die hochentwickelten Königreiche und Gesellschaften des mittel- und südamerikanischen Kontinents auszulöschen, die indigene Bevölkerung, die das Gemetzel überlebte, zu versklaven und die Bodenschätze, allen voran die Goldvorräte zu plündern. Die Floskel „Montaignes Essay hat nichts an Aktualität eingebüßt“, greift zu kurz.
Ich sitze in einem in die Jahre gekommenen Hochgeschwindigkeitszug, der auf der Strecke zwischen Muhlhouse und Lyon heute nur auf kleinen Streckenabschnitten auf Geschwindigkeiten jenseits der 300 km/h-Marke kommen dürfte und trotzdem frage ich mich, wie es möglich ist, so viele Menschen so schnell zu befördern, das Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen so zu verändern, dass sich deren Zellen wie beabsichtigt verhalten und menschliches Leben aus hunderten und tausenden von Kilometern unter Berücksichtigung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse zu eliminieren. Das Zusammenwirken der Anwendung rational gewonnenen, naturwissenschaftlichen Wissens und niederster Beweggründe der Entscheider entwickelt wie im 16. und 20. auch im 21. Jahrhundert zerstörerische Kraft. Es wundert mich, weil ich es nicht wahrhaben will, weil sich etwas in mir gegen diese Einsicht sträubt.
Es regnet nicht mehr. Inzwischen bin ich über den langen Zwischenaufenthalt in Lyon nicht unglücklich. Mein Zug hat einige Verzögerungen zu einer ordentlichen Verspätung akkumuliert. Zu oft nehme ich die Landschaft wahr. Mein Unterbewusstsein hat das Ziel meiner Reise korrigiert. Überhaupt in meinem Domizil anzukommen, ohne irgendwo wie ein bedauernswerter Obdachloser übernachten zu müssen und ohne nass zu werden, erscheint mir trotz der hohen Kosten als ein hehres Ziel, das mich zufrieden stimmen könnte. Die Sonne wird voraussichtlich nicht scheinen, wenn ich morgens in der Frühe die Tür öffnen werde. Wenn doch, wird es schlimmer gekommen sein, als ich befürchte.
Wir erreichen Dijon. … Wir stehen in Dijon seit geraumer Zeit. Ob der Aufenthalt geplant war? Ich habe hier nicht viel mehr Platz als Raum einnehmende ältere Reisende in einer Postkutsche im 18. Jahrhundert. Die Glieder versteifen, der Ischiasnerv funkt Hilferufe ans Gehirn. Die Klimaanlage bzw. die Heizung funktioniert. An Schlafen ist nicht zu denken. Montaigne musste sich mit diesen Problemen nicht rumschlagen. Er litt an anderen Krankheiten, Nierensteinen, Gallenkoliken, was weiß ich ich und ritt durch halb Europa auf der Suche nach der heilspendenden Kur. Ich überlege, ob ich mir etwas Gutes tun soll. Die Bar ist in Sichtweite.
Ich habe mich unvernünftigerweise für eine Flasche Bier entschieden. Die trinke ich, während wir in Beaune stehen, der Hauptstadt des Burgunders. In der Ferne stelle ich mir die Weinberge vor. Ich hatte vergessen, aus dem Fenster zu schauen, als wir uns der berühmten Weinregion näherten. Die Reisegeschwindigkeit hätte das Erleben der Flora und Fauna kaum beeinträchtigt.
Wir haben gar keine Verspätung, wie ich auf der TGV Webseite feststelle. In einer Stunde kommen wir in Lyon an. Dort muss ich aussteigen, zwei Stunden warten und dann in den TGV nach Montpellier einsteigen.
Lyon ist die Pforte in den Süden. Die Wirkung des Alkohols schenkt mir einen blauen Himmelsausschnitt zwischen den dicken Wolken. Beim nächsten Blick in den Sehnsuchtsort ist er wieder verschwunden.
Lyon. Ich steige aus. Die Hälfte der Passagiere folgt meinem Beispiel. Menschen wuseln über Bahnsteige, durch die moderne Bahnhofshalle, ins Freie, in Geschäfte und Bahnhofsrestaurants. Ich sehe viele Menschen, aber keinen Menschen. Jeder ist auf seine Reise fokussiert. Die Bahnhöfe, die ich in französischen Städten kennengelernt habe - so viel sind es nicht -, sind funktional gestaltet, sauber und aufgeräumt. Niemand wartet gern. Beachtung finden Freunde und Verwandte, Bahnangestellte, die einem weiterhelfen können. Niemand flaniert, beobachtet, lässt neugierig den Blick schweifen.
Ein neuer Tag. Ich kam gestern Abend vier Stunden später als vor der Reise geplant - pünktlich bezogen auf die neue Zugbuchung - in Montpellier an. Für die letzte Etappe meiner Fahrt bemühte ich auf Anraten meiner Kinder einen Taxifahrer. Die Aussicht auf eine vierstündige Wanderung mitten in der Nacht schreckte mich dann doch etwas ab.
Reisen in ferne Gegenden waren im 16., 17., 18. und 19. Jahrhundert nur wenigen vorbehalten. Bekannte deutscher Dichter der frühen Romantik legten große Strecken zu Fuß zurück - aber nicht mitten in der Nacht. Das Reisen in der Kutsche verbunden mit dem Wechsel der ermüdeten Pferde an Postkutschenstationen setzte die Beschleunigung in Gang. Land und Leute wurde erfahren. Je schneller wir uns fortbewegen, desto desto weniger wirkt das Neue, das Andere auf uns, desto weniger verändern wir uns; wir nehmen uns überall hin mit, wie wir sind und verhalten uns entsprechend.
Der Mehrzahl der ersten Europäern, die im 15. und 16. Jahrhundert das Wagnis einer Überfahrt über den Atlantik riskierten, mangelte es an humanistischer Bildung (, wie sie aus Montaignes Schriften strömt) und Anstand, für die es keiner klassischen Bildung bedarf, wie er den meisten Menschen eigen ist, die jemals geliebt wurden und geliebt haben. Wir müssen Narzissten und Psychopathen nicht auch noch anhimmeln, wenn wir schon nicht nicht verhindern, dass sie an Schaltstellen der Macht gelangen. Wissenschaft und Technik entwickeln sich in spezialisierten Funktionsbereichen weiter, weil ihnen in entfernten Anwendungsbereichen aus edlen und niederen Beweggründen Wert beigemessen wird. Und je weiter Wissenschaft und Technik schreitet, desto gefährlicher wird es für uns und desto mehr Chancen bieten sich uns.
Die Stimmungsschwankungen, Volten und die Inkonsequenz des vorliegenden Essays verdanken wir zu einem nicht ungebührlichen Anteil dem unglücksseligen Fahrdienstleiter, der den Zug gestern an Offenburg vorbeigeleitet hat, wenn es denn sein Fehler war. Ein Kutscher hätte einfach kehrt gemacht und wäre zurückgefahren. Ich hätte in meinem und ihrem Interesse gestern gerne darauf verzichtet, in die Gruft meiner dunklen Abgründe zu steigen und hoffe, sie wissen es zu schätzen, dass ich uns durchs Schreiben die schlimmsten Exzesse erspart habe.


