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Mit dem Fahrrad und Newton von Loupian nach Marseillan und wieder zurück

  • 3. Apr.
  • 5 Min. Lesezeit


Mit dem Fahrrad und Newton von Loupian nach Marseillan und wieder zurück


Das Archipel de Thau wartet geneigten Bewohnern und Touristen mit einer Fülle von reizenden Fahrradwegen auf. Nachdem eine Teilstrecke von Loupian nach Marseillan wegen der starken Regenfälle schlammig, überflutet und für verweichlichte Mitteleuropäer vor zwei Wochen noch unpassierbar war - dort wo der Weg ganz nah an den Étang de Thau heranführt und den Blick auf den Mont St. Clair, Sète, Seevögel, Algen, die Austernzuchtgebiete von Mèze und die beruhigende Weite des Wassers freigibt, dort mussten wir umkehren, weil uns die Härte fehlte -, dachten wir zwei Wochen Trockenheit mussten genügen, um problemlos nach Marseillan radeln zu können.


Der Himmel war größtenteils bedeckt, der Wind blies fast stürmisch, was uns nicht abschreckte, weil er schräg von der Seite in die gewünschte Richtung schob. Den Rückweg verdrängt man gerne, wie im richtigen Leben absehbare negative Folgen des eigenen Handelns die hedonistischen Freuden kaum trüben.


Mit dem Fahrrad kommt man schneller voran als zu Fuß. Aber auch nur dann, wenn die Fahrradwege geteert, befestigt, nicht schlammig oder überschwemmt sind. Inzwischen nutzen die meisten Radler ein E-Bike. Den Berg hoch oder gegen den Wind erfreut der elektrische Hilfsmotor das Herz, schont es, erlaubt dem Radfahrer, lange Strecken in der Natur, der frischen Luft, in atemberaubender Landschaft zurückzulegen, ohne dass der Infarkt droht und ohne dass die Anstrengung den Atem raubt. Das Lächeln des Mannes, der uns entgegenkam, während seine Frau ihr konventionelles Fahrrad den Berg hochschob, wirkte ansteckend.


Obwohl ich nicht mehr der jüngste bin, entschied ich mich vor zweieinhalb Wochen für den Kauf eines klassischen Tourenrades ohne feinmotorische Unterstützung; ein Aluminiumrahmen durfte es trotzdem sein. Es ist recht leicht und reagiert auf den Einsatz von Muskelkraft erfreulich agil. Und doch muss ich in Kauf nehmen, dass mich Radfahrer mit sperrigen, schweren E-Bikes überholen, als stünde ich am Straßenrand und würde die Landschaft bewundern oder eine Pause brauchen.


Newtons Physik reicht, um die Funktionsweise meines Fahrrads zu beschreiben; will man wissen, wie ein E-Bike funktioniert, so muss man auch in Elektrizitätslehre bewandert sein. Es kommt mir so vor, dass sinkende Ansprüche der Geräte an den Nutzer mit steigenden technischen Anforderungen erkauft werden; immer mehr physikalische Erkenntnisse finden ihren Weg in Produkte und festigen so den Glauben daran, ohne dass Bekenntnisse nötig werden würden. Lässt man sich vom Smartphone den Weg weisen, funktioniert das nur, weil die App-Entwickler die Erkenntnisse von Einsteins Relativitätstheorie berücksichtigen (ich hoffe, ich schreibe hier keinen Blödsinn - Physiker mögen mir mein gefährliches Halbwissen verzeihen).


Bis man zu der Stelle kommt, die uns vor zwei Wochen zum Umkehren aufforderte, fährt man ein Stück auf einer kaum von Autos befahrenen Straße durch Weinreben, an Weingütern und Olivenhainen vorbei (ob das wirklich Olivenbäume sind, werde ich im Laufe des Jahres noch herausfinden). Zarte grüne Blätter treiben schüchtern aus alten, knorrigen und jungen Reben, hauchen der Landschaft neues Leben ein. So wirkte es auf mich.


Der Radweg verläuft an einem verlassenen Anwesen vorbei und fällt zum Étang de Thau hin ab, fast auf Meereshöhe, führt durch ein Sumpfgebiet, in dem immer noch viel Wasser stand. Vielleicht trieb der Wind das Wasser auf den Radweg. An einer Stelle breitete sich eine riesige Lache wie ein unüberwindliches Hindernis vor uns aus. Eine Seniorengruppe, die uns entgegen kam, zeigte uns, wie man das Hindernis überwindet. Einige fuhren mitten durch, andere schoben das Fahrrad durch das Wasser, wobei sie durch den Morast am Rande der Pfütze stapften. So kämpften und schlängelten wir uns dann auch durch und blieben ein ums andere Mal an den Zweigen der Büsche und Sträucher hängen, weil wir Wasser in Schuhen und Socken scheuten. Schuhe, Fahrrad und mein Selbstvertrauen litten Höllenqualen.


Die nahrhafte Sumpflandschaft ist bevölkert von Wasservögeln, deren Namen ich natürlich nicht kannte. Intuitiv erfasste ich, dass es ratsam sei, auf dem Weg zu bleiben. Der Sumpf erstreckt sich bis zum Teich über eine Breite von mehr als 100 Metern und über eine Länge von mindestens 356 Metern. Lässt man den Blick nach Norden schweifen, sieht man die Berge, keine gute Idee gestern, wollte man Tränen in den Augen und die damit induzierte Traurigkeit vermeiden. Man muss nicht immer die Nase in den Wind halten.


Und wieder galt es, eine höhere Stufe im Leben zu erklimmen. Die Landschaft ist hügelig. Kein Problem, wenn der Wind schiebt. Nach etwa einer Stunde bog ich falsch ab und wir landeten kurz vor Marseillan auf der belebten Straße, die Mèze mit Marseillan verbindet oder umgekehrt, je nachdem, wo man herkommt. Wir nervten die Autofahrer nur fünf Minuten, ehe wir unbelebte Straßen im Ortskern benutzten, der von der Polizei aus nicht ersichtlichen Gründen weitgehend abgesperrt war. Im Hafen spielte der Wind mit den festgemachten Booten; nur wenige Touristen besuchten den reizenden Ort. Unweit des Hafens empfängt das Haus Noilly Prat Besucher. Wer sich für die Herstellung und Verkostung der edlen Aperitife interessiert, dem sei eine Führung wärmstens empfohlen.


Im Hafen auf die Boote, das ferne Sète und die Weite des Wassers blickend, den Wind im Rücken, stellten wir uns die Frage, wie wir wieder zurückkommen sollten. Hätte ich vorher daran gedacht, wären wir vielleicht nicht losgefahren. Wir konnten über Marseillan Plage, am Meer entlang über Sète nach Loupian fahren oder den Weg wählen, auf dem wir hergefunden hatten. Die große Runde um den Étang de Thau erschien uns gestern keine Option bei dem Wind. Also wieder zurück. Kein Problem. Der Mensch sieht nicht, was hinter seinem Rücken vor sich geht, sodass wir die Landschaft auf der Rückfahrt die Berge hoch bei Gegenwind neu erfahren konnten. Als wir zu Hause ausgelaugt und durchgeblasen ankamen, hatte ich das gute Gefühl, etwas geleistet zu haben. Auf das Gefühl kommt es an. Es war keine große sportliche Leistung und trotzdem dürfte die Arbeit der Muskulatur ausgereicht haben, das Gehirn mit Endorphinen, Endocannabinoiden oder was auch immer zu fluten.


Die Anwendung der Newtonschen Physik reichte aus, um die Vorwärtsbewegung auf dem Zweirad zu erklären, Faradays und Einsteins Erkenntnisse kamen gestern nicht zur Anwendung; das Licht musste ich nicht einschalten; als wir zurück radelten, schien die Sonne. In Erwartung der Weltformel, aus der sich die Sozialdynamik zwischen mir und meinem Mitfahrer, meine Gefühle, Wahrnehmungen, mein Denken, mein Staunen über die Erlebnisse während der Fahrt, die Funktionsweise meines Körpers, dessen zelluläre Aktivitäten, die Funktionsweise des Fahrrads mittels mathematischer Berechnungen erklären lässt, die nur eine künstliche Intelligenz in einer dem Menschen unverständlichen Sprache wird darstellen können, sitze ich hier und sinniere darüber, dass alle in der Wissenschaftsgemeinde akzeptierten, mir lieben und teuren Naturgesetze auf Beobachtungen und Bewertungen fehlbarer Wesen beruhen. Schade, dass ich die Entdeckung der Weltformel nicht mehr erleben werde.


Der Wind blies auch heute heftig; Wolken gab und gibt es im Himmel keine zu entdecken und gerade geht die Sonne unter, sodass ich heute keine Naturschauspiele mehr bewundern und bewerten werde.


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