Escale à Sète - 2026
- 8. Apr.
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Escale à Sète - 2026
Der Schlaf bereitet uns auf angenehme Weise auf den Tod vor.
Vor einigen Tagen waren wir auf der Escale à Sète, die alle zwei Jahre stattfindet. An den Kais liegen historische Segelschiffe aus vergangenen Zeiten, meist Nachbauten, Schiffe, mit denen europäische Entdecker den Atlantik überquert haben, Fischerboote, Handelsschiffe, die man besichtigen kann. Die Uferpromenade säumen Stände mit kulinarischen Genüssen mediterraner Provenienz, Meeresfrüchte aller Art, die beim Vorbeigehen verführerisch duften. Wer den Geldbeutel schonen will, besucht die Escale am besten nicht hungrig. An vielen Ecken spielen Musikanten auf. Die Escale ist ein Fest, das alle Sinne und Menschen jeden Alters anspricht, Menschen, die sich für mediterranes Leben, Segelschiffe, das Meer, Geschichte interessieren oder nur gerne sehen und gesehen werden oder Motive für Stories auf Social Media Kanälen suchen und den Trubel in einer großen Menschenmenge nicht scheuen.
Ältere Menschen schlafen kürzer und schlechter.
Ich schaute mir den Nachbau eines portugiesisches Schiffes aus dem 16. Jahrhundert genauer an, dessen Schwester um das 15./16. Jahrhundert um das Cap der Guten Hoffnung gesegelt war (Interessierte mögen die Details auf der Webseite der Escale nachlesen). Es war recht klein, kaum größer als ein Blauwassersegelboot für zwei bis vier Personen, von denen nicht wenige in den Häfen von Sète festmachen. Ich habe gehörig Respekt vor Menschen, die es wagen, auf einem modernen Segelboot, hoffentlich ausgestattet mit Radar, Satellitentelefon, Navigationssystem, AIS (Automatisches Identifikationssystem), Funk, bei Bedarf individualisierte Wetterberichte mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit, die sich frühere Seefahrer nicht zu erträumen vermochten, empfangend und sonstiger technischer Unterstützung über den Atlantik zu fahren oder auf der Barfußroute gar die Erde zu umrunden. Der Mensch hat sich seit dem 15. Jahrhundert nicht wesentlich weiter entwickelt, nur die Technik. Seefahrer dürften sich vor 500 Jahren ähnlich gefühlt haben, bevor sie in See stachen, wie die Abenteuersuchenden heute.
Den Berichten zufolge schläft Alt und Jung auf Überfahrten über die Weltmeere auch heute noch kurz und schlecht.
Als ich ein Kind war, gab es schon Fernsehen, aber nur drei Kanäle und längst nicht jeden Tag Filme im Angebot. Piratenfilme aus den Hollywoodschmieden waren sehr beliebt, besonders an Feiertagen, in schwarzweiß, Hell und Dunkel, Gut und Böse einzelnen Schiffen und Personen zugeordnet, der moralische Kompass zeigte nur in eine Richtung: die Guten siegten, wieviel Menschen sie dabei auch töten mussten. Gegner der sympathischen Piraten waren die Handelsmarinen, Soldaten feindlicher Staaten und böse Piraten. Auf den Kais von Sète patrouillierten Armee und Polizei; die jungen Soldaten schienen ihren Auftrag mir wenig Freude zu erledigen; das riesige Kreuzfahrtschiff im neuen Hafen wirkte an diesem Tag fremd, für die Passagiere war das Event sicher eine willkommene Abwechslung, der zu einem gelungen Landgang beitrug.
In populärwissenschaftlichen Zeitschriften ist nachzulesen, dass während eines erholsamen Schlafs das Gehirn von schädlichen Stoffwechselprodukten gereinigt wird.
Wie sich das Reisen auf den Weltmeeren in den letzten 500 Jahren verändert hat, konnte man im Hafen von Sète an diesem Tag erahnen. Passagiere auf einem Kreuzfahrtschiff haben wenig Grund, sich um ihre Sicherheit zu sorgen. Piraten machen die Meere auch heute noch unsicher, weshalb Kreuzfahrtschiffe Regionen meiden, in denen sie ihr Unwesen treiben. Piraten bevölkerten lediglich meine Phantasie, neben den Schiffen zusätzlich angeregt von Schiffsbesatzungen, die in Piratenkostüme aus dem 18. oder 19. Jahrhundert schlüpften oder in das, was ich dafür hielt; sie zauberten vielen Besuchern ein Schmunzeln auf die Lippen oder posierten als Motiv für einen Social Media Beitrag oder das private Fotoalbum.
Wo und wie die Seefahrer auf den Schiffen im 15. bis zum 19. Jahrhundert wohl schliefen? Die Lebenserwartung eines Seefahrers dürfte nicht allzu hoch gewesen sein, sodass Schlafdefizite bei den meisten keinen messbaren Schaden angerichtet haben dürften.
Die Schlangen vor den Schiffen, um diese zu besichtigen waren, sehr lang. Das Schiffsinnere persönlich in Augenschein zu nehmen hätte sich sicher gelohnt; wir wollten nicht warten, im Nachhinein ein Fehler, denn dann hätte ich eine genauere oder überhaupt eine Vorstellung vom Leben auf Piratenschiffen gewonnen, als dies die Piratenfilme suggerierten.
Ich vermute, dass Passagiere auf Kreuzfahrtschiffen besser schlafen als die frühen Seefahrer.
Die Escale à Sète zeigte nur einen kleinen Ausschnitt der Jahrtausende alten Geschichte der Seefahrt und doch so viel mehr, als ich kannte. Die Boote waren mit Liebe restauriert oder mit viel Akribie nach Originalplänen nachgebaut. Die Escale wirkt eine Woche wie ein Freilichtmuseum. Die meisten Schiffe segelten nach Sète. Welche Gründe bewegten die Europäer vor 500 Jahren, die Leinen loszulassen und sich in unbekannte Gewässer zu wagen, während die Wissenschaft glaubte die Erde sei eine Scheibe. Gier nach Gold und Schätzen ist nur eine Antwort und vielleicht nicht einmal die vordringlichste.
Ein jeder höre in sich selbst den Ruf des Unbekannten, des Exodus, um Antworten zu finden, den Ruf, den viele ignorieren und dem nach Abwägung der Chancen und Risiken nur wenige nachgeben, bevor sie hoffentlich friedlich einschlafen.


