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Warum lest ihr Romane von Menschen, die unsere schöne Welt schon lange verlassen haben?

  • vor 7 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit


Warum lest ihr Romane von Menschen, die unsere schöne Welt schon lange verlassen haben?


Wissenschaftliche Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, langsamer altern. Ob das Lesen von Romanen den Alterungsprozess ebenso verlangsamt, weiß ich nicht. Breiter erforscht sind die Auswirkungen von Sport auf die Lebensdauer und die Gesundheit im Alter einschließlich des damit verbundenen kognitiven Niedergangs. Muskeln setzen während und nach ausreichender Beanspruchung Proteine, sogenannte Myokine, frei, die die Blut-/Hirnschranke überwinden und im Gehirn die Bildung des Proteins BDNF (brain derived neurotrohic factor) anregen. Der Wachstumsfaktor BDNF stimuliert die Bildung neuer Nervenzellen im Hippocamus und stabilisiert Synapsen zwischen den Nervenzellen (ohne Gewähr).


Neben den positiven Auswirkungen auf die Funktionsweise des Gehirns reduzieren Myokine Entzündungen, regen den Fettabbau an, stabilisieren die Knochen und vieles mehr. Treibe ich deswegen gerne Sport? Bewege ich mich deswegen lieber? Die oben angedeuteten positiven Gesundheitseffekte ich nehme gerne mit, allerdings hilft mir dieses Wissen genauso wenig morgens den Körper mit gymnastischen Übungen zu drangsalieren wie mich zwei- bis dreimal die Woche zum Laufen aufzuraffen oder Fahrrad zu fahren. Wer Sport treibt, um länger und gesünder zu leben, wird vermutlich nicht lange dabei bleiben.

Aber wer sich regelmäßig sportlich betätigt und dabei ins Schwitzen gerät, wird ganz allmählich Veränderungen im Körper bemerken, positive Gefühle damit verbinden; solange sich keine Sucht daraus entwickelt, versteht sich. Auch das Lesen von Romanen geht mit positiven Veränderungen des Gehirns einher, die aufzuzählen ich mir erspare. Aus meiner Sicht gilt auch im Hinblick auf das Lesen von Romanen: „Lesen, um zu …“ kann eine gute Idee sein, animiert mich aber nicht.


Ist es nicht faszinierend, wie eine endlos scheinende Kette von Buchstaben und Satzzeichen in meiner Vorstellung Welten entstehen lassen, Türen und Tore von Schlössern, Villen, Häusern und Hütten öffnen und den Blick freigeben auf Möbel, Gemälde, Fenster, Vorhänge, Vasen, Kamine, Kandelaber, Ikonen, Äxte, Schaufeln, Treppen, Geländer und so vieles mehr? Landschaften, Gärten, Pflanzen, Tiere und Personen tauchen vor meinem inneren Auge auf, Personen sprechen, offenbaren bekannte und fremde Gedanken und Gefühle. Wir dringen tief in das Seelenleben der Protagonisten vor und lernen uns dabei vielleicht selbst ein bisschen besser kennen.


Wir sitzen in Postkutschen und leiden den üblen Geruch der Mitfahrenden, ergötzen uns am Anblick des Gegenübers. Aber bevor jetzt komplett der Gaul durchgeht, den der Kutscher nicht mehr zu halten imstande ist, werden wir wieder nüchtern, indem wir das Buch zur Seite legen und aus dem Fenster schauen und Menschen aus Fleisch und Blut reden, lachen oder streiten sehen. Ein Leseabenteuer ist fast immer garniert mit einer Prise Eskapismus.

Doch die Flucht aus der Lebenswirklichkeit spielt bei mir eine untergeordnete Rolle. Ich gestehe gerne, dass ich das im Roman kunstvoll ausgemalte Denken und Fühlen der Protagonistinnen und Protagonisten mit eigenen Erfahrungen und mit dem vergleiche, was ich mit Augen und Ohren oder in den Medien zu beobachten glaube.


Oft bewundere ich Formulierungen, die ich mir selten merken kann und noch seltener notiere - ich will mich beim Schreiben nicht mit fremden Federn schmücken. Das mag mir manchmal unbeabsichtigt passieren. Wenn ich zitiere, schreibe ich ab. Das sind dann die besten Passagen und Collagen in meinen Essays. Ein beschränkter Intellekt schützt vor Dünkel.


Es erstaunt immer wieder aufs Neue. Wie ähnlich wir uns Menschen über Äonen, Kulturkreise, Kontinente und Geschlechter hinweg sind, wenn wir uns mit den essentiellen Herausforderungen des Lebens beschäftigen. Wenn grundlegende Fragen, die uns alle betreffen, kontingent beantwortet werden, gewinnen wir wertvolle Distanz zur eigenen Antwort, zu unseren Lebensentwürfen, Einstellungen, Erinnerungen und Gefühlen.


In meinem Essay über die Verwandlung von Franz Kafka berichte ich darüber, wie anders ich die Leseerfahrung gegenüber der in meiner Erinnerung gespeicherten wahrgenommen habe. Man könnte meinen, ich hätte mich in den letzten Jahrzehnten verändert. Wir stellen beim Lesen fest, dass unser Gehirn eine Baustelle ist, die nur einmal fertig wird.


Warum wir Romane lesen und was wir dabei empfinden, dürfte individuell sehr verschieden sein. Umso interessanter ist es, sich über die Leseerfahrungen mit anderen Begeisterten auszutauschen. Mir entgeht Vieles beim Lesen. Da ich nicht fürchten muss, dafür zensiert zu werden, schätze ich die Sichtweise anderer Leser, die kontingente Sicht auf die fremde Welt, die mir Neues entdeckt.


Welche Botenstoffe das Lesen von Romanen im Gehirn oder im Darm freisetzt, müssen Neurowissenschaftler klären. Ich werde Berichte über entsprechende Forschungsergebnisse mit Interesse studieren, sofern diese erscheinen, bevor es Nacht wird. Bis dahin begnüge ich mich mit der positiven Wirkung der Myokine nach der sportlichen Anstrengung. Die wissenschaftliche Erkenntnis verweigert sich der Kontingenz, bis sie widerlegt ist. Romane aus fernen Zeiten, die weit zurück liegende Vergangenheit oder ferne Zukunft auferstehen lassen, erlauben eine größere Distanz, schenken der ein oder dem anderen höchsten Genuss oder vielleicht nur ein bisschen Zerstreuung.


In Romanen können wir die erschaffenen Welten, Veränderungen und Verwandlungen, Freud und Leid der Figuren miterleben, uns voller Abscheu abwenden oder beim Lesen empfundene Schönheit genießen. Aber natürlich weiß ich, dass die meisten Menschen andere Vergnügen bevorzugen, lieber im virtuellen Raum spielen, Reels konsumieren oder auf Streaming-Plattformen Serien binge watchen. Wie in meinem letzten Essay erwähnt, wissen wir mit Sicherheit, dass Romane von Menschen, die unsere schöne Welt schon lange verlassen haben, nicht von Large Language Models erstellt wurden. Ein abgegriffenes, antiquarisches Werk dürfte über jeden Zweifel erhaben sein.


„So ruhen die Liebenden neben einander. Friede schwebt über ihrer Stätte, heitere verwandte Engelsbilder schauen vom Gewölbe auf sie herab, und welch ein freundlicher Augenblick wird es sein, wenn sie dereinst wieder zusammen erwachen.“ (Die Wahlverwandtschaften).

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