Minimalismus Teil 2 - Das Essentielle
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Minimalismus Teil 2 - Das Essentielle
Ich las vor Kurzem eine Passage in Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Teil 2 - Im Schatten junger Mädchenblüte“. Der Ich-Erzähler beschreibt, wie er beim ersten Hören nur ein Bruchteil der Größe und Schönheit eines musikalischen Werkes wahrnahm, das Offensichtliche und erst beim zweiten, dritten Hören die Schönheit und Meisterschaft der komplexeren Tonfolgen erkannte, schätzen und lieben lernte, wie die komplexen Tonfolgen sein Wesen berührten.
Was braucht eine Gemeinschaft, was brauche ich, um zu überleben, was braucht eine Gemeinschaft, um sinnerfüllt zu existieren, was brauche ich, um sinnerfüllt zu leben? Sinnerfüllt leben geht über das Überleben weit hinaus, doch das eine wie das andere setzt die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse voraus, die es ständig zu erforschen gilt, weil sie sich im Strudel des Lebens verwandeln. Das Ich und das Wir ist vor allem das, was bemerkt, dass nichts bleibt, wie es ist.
Wer das Wesen eines Kunstwerks, der Natur, einer Landschaft, eines Mitmenschen, einer Gemeinschaft ergründen oder empfinden will, muss einen Schritt vortreten, den Fokus auf das Objekt richten, Lauschen, Schauen, vielleicht Schmecken und Riechen, Fühlen, vielleicht über das Objekt, die Landschaft, den Menschen und seine Eigenschaften nachdenken, einordnen, mit geeigneter Sprache beschreiben, damit sich der Eindruck verfestigt. Erst so rührt das der eigenen Umwelt Zugeordnete im Inneren an und bringt es zum Glimmen und Glühen. Nur selten gelingt das ohne Anstrengung. Nur selten wärmt ein flüchtiger Augenblick das Herz länger, als der Augenblick währt.
In der täglichen Praxis scheue ich diese Anstrengung, gebe mich allzu oft der billigen Ablenkung hin, betrachte Oberflächen, deren Glanz und Ebenmäßigkeit leicht zu konsumieren sind, ohne das Objekt meiner Aufmerksamkeit näher zu ergründen, blende das Hässliche aus, bleibe bei mir, folge dem Überlebensimpuls in einer Welt, überschwemmt mit widersprüchlichen zu Dingen gewordenen oder verkommenen Ideen.
Es ist keine leichte Übung das Wesentliche zu erkennen, weder für den einzelnen noch für ein soziales Konstrukt; noch schwerer fällt es, mit dem ihm innewohnenden Wesen in Berührung zu kommen. Es ist nicht leicht, aber lohnend. Nur geht dadurch die Zeit für den billigen Konsum verloren. Auf dem Weg zum Essentiellen sollte man den Kopf gerade halten, sonst droht bei Regen Gefahr, dass zu viel Wasser in die Lunge gelangt.


