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Belle-Vue - Kurzes Intermezzo

  • 28. Apr.
  • 2 Min. Lesezeit


Belle-Vue - Kurzes Intermezzo


Wir warten seit Tagen auf die neue 5G Box, die uns unbeschränktes Datenvolumen verspricht - heute soll sie kommen -, sodass wir über WLAN wieder Angebote der Streaming Dienstleiter und Videos konsumieren, online Spiele spielen können und ich mich seit mehr als einem Monat beim Herunterladen von wissenschaftlichen Zeitschriften, bei Hintergrundaktualisierungen von Apps auf Smartphone und Tablet und beim Surfen im Internet auf enzyklopädischen Seiten oder zur sinnlosen Zerstreuung oder beim Totschlagen der Zeit auf sozialen Medien wegen des limitierten Datenvolumens nicht länger zurückhalten muss.


Wie habe ich die Zeit, die ich nicht „passiv“ vor dem Bildschirm verbrachte, genutzt? Das schöne Wetter lud fast jeden Tag zum Spazierengehen, Wandern, Laufen oder Radfahren ein und ich habe die Einladung bereitwillig angenommen, die Natur genossen, schöne Ausblicke entdeckt, mich davon anrühren lassen, von Belle-Vue nahe Mèze, ohne dass sich dabei tiefer gehende Gedanken geregt oder Worte geformt hätten und dabei nebenbei den Körper gestählt, der heute wegen der Aufregung und des langen und früh gestarteten Zeitfensters der erwarteten Lieferung der 5G Box mit einer verkürzten, morgendlichen Gymnastikeinheit auskommen muss; früher aufstehen wollte ich deswegen nicht.


Besonders viel gearbeitet, gelesen oder geschrieben habe ich in der frei geräumten Zeit nicht. Vielleicht raubte die ungewohnte körperliche Anstrengung zu viel Energie - um Entschuldigungen zu erfinden, ist der Mensch nie verlegen. Ich lese gerade - immer noch und immer noch mit Vergnügen - Marcel Prousts „Im Schatten junger Mädchenblüte“ - zu dem ich in dem mäandernden Werk bisher noch nicht vorgedrungen bin - auf „der Suche nach der verlorenen Zeit“.


Hätte ich die vielen interessanten Gedanken in Prousts Werk notieren oder auf anderem Wege in meinem Gedächtnis verankern sollen, um zu verhindern, dass ich den ein oder anderen zukünftig und natürlich aus Versehen als meinen eigenen ausgebe, nachdem er sein Unwesen im Unzugänglichen getrieben hat oder, was viel wahrscheinlicher ist, dass ich ihnen zuschauen muss, wie sie in meinem Bewusstsein und dann in meinem Gedächtnis versinken gleich einem Stein, den ich, ein kleines Mädchen oder ein kleiner Junge ins Meer oder in einen See schmeißt, nie wieder auffindbar, weil sich auf dem Grund alle Steine gleichen, ihre Einzigartigkeit einbüßen und ich unter Wasser so lange die Luft ohnehin nicht anhalten kann, ohne das Schicksal mit dem Stein oder den durch den Stein angeregten Wellen an der Oberfläche zu teilen?


Die Box ist da und wird gerade installiert, sodass ich die verlorene Zeit bald nicht mehr werde suchen müssen … und auch Prousts Gedanken nicht, die gewiss eine oder einer der vielen Influencer und Videoschaffenden in einem kurzen oder längerem Video oder einem Reel leicht verdaulich - extra für mich - aufbereitet haben wird. Das geschriebene Wort bleibt trotz allem gefährlicher für uns, sollten wir uns so gefallen und bleiben wollen, wie wir sind. Vielleicht kann ich den Verzicht auf die bewegten Bilder trotz des unbeschränkten Datenvolumens eine zeitlang aufrechterhalten oder zumindest einschränken und sei es nur, um häufiger die schöne Aussicht genießen zu können, auch wenn sich in meinem Gehirn wegen meines beschränkten Gemüts währenddessen oder danach in der Erinnerung keine so edlen Gedanken formen.


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