top of page

Größe und Elend des Menschen - Mensch ärgere Dich nicht

  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit


Größe und Elend des Menschen - Mensch ärgere Dich nicht - 11.06.2026


Es ist noch gar nicht so lange her, da war ein Stück Seife ein begehrtes Objekt und manch jüngerem Menschen ist kaum zu vermitteln, dass man sich einst damit gewaschen hat. Die unter 30-jährigen mögen einem kunstvoll gestalteten Seifenblock auf einem Markt oder einer Boutique in der Provence begegnet sein, angezogen vom Duft nach Lavendel, Oleander, Jasmin, Zitrone, Kirsche, Himbeere, Vanille oder Olive.


Ein Stück Seife ist ein handtellergroßes Objekt, das glitschig wird, sobald es mit Wasser in Berührung kommt. Das ist der Sinn der Sache. Die Seife löst sich in Verbindung mit Wasser von der Oberfläche des harten Körpers ab und wird so flüssig wie die Materie, die aus dem Seifenspender kommt. Es war mal lustig, das andere Mal nervig, wenn die Seife aus der Hand entglitt, auf den Boden der Duschwanne fiel und dort kaum zu fassen war, wie manchmal das Thema eines Essays, die Contenance, das Leben, je nachdem, in welcher psychischen Verfassung man war.


Auch ein Spiel, die emotionale Stabilität einer Spielerin oder eines Spielers kann entgleiten. Ich erinnere mich, dass ich als Kind bei ‚Mensch Ärgere Dich nicht‘ ein lausiger Verlierer war. Wer kennt nicht die Reaktion eines Kindes, des Kindes in mir, das beim Spielen völlig die Fassung verlor, die Regeln missachtete und so die Ebene des Spiels verließ, sich aus dem Spiel hinaus katapultierte, indem es Brett und Hütchen in die Ecke schleuderte.


Spielen, was bedeutet es für uns? Die eine denkt an Gesellschaftsspiele, der andere an Fußball, wieder andere an Call of Duty oder andere Computerspiele; manch einer spielt mit seinen Mitmenschen. Vertreiben wir uns mit Spielen die Zeit, damit wir nicht in „die Abgründe des Unendlichen und des Nichts“ (Pascal) blicken müssen? Denn „dazwischen kann der Mensch seinen wahren Stand nicht bestimmen und verfällt dem Schwindel“ (aus dem Nachwort in ‚Größe und Elend des Menschen‘, einem Auszug aus Pascals Pensée).


Wer sich für den Homo ludens interessiert, wird in der Wissenschaftsliteratur fündig (allen voran in „Homo ludens“ von Johan Huizinga). In meinem Essay „Artificial General Intelligence - Gedankenspiele“ beschäftige ich mich mit einer Technologie, die für die breite Öffentlichkeit noch nicht zugänglich ist, die vielleicht noch gar nicht funktioniert. Ich spiele damit, als wären AGI Maschinen oder AGI Androiden kommerziell verfügbar. Die spielerische Auseinandersetzung mit der Zukunft öffnet Möglichkeitsräume, die zum Staunen und Reflektieren anregen oder uns die Welt fliehen lassen für eine begrenzte Zeit, ohne Erwartungen befriedigen oder ein definiertes Ziel erreichen zu müssen. Die Grenzen legt man selbst fest. Herrlich!


Was unterscheidet solches Denken von Phantasiewelten der Kindheit? Die sind im Erwachsenen ganz tief im Gehirn vergraben. Die ersten drei bis vier Jahre sind unzugänglich; die Wissenschaft umschreibt diese Phase der Menschwerdung mit dem Begriff der frühkindlichen Amnesie. Doch selbst für die Zeit danach fällt mir die Erinnerung an kindische Spielwelten schwer. Vielleicht baue ich meine Essays auf dem Fundament untergegangener Phantasiewelten meiner Kindheit oder vielleicht habe ich im Kindesalter gelernt, wie man imaginäre Welten erschafft, wer weiß.


Wir finden gute Gründe, das Spielen der Kinder zu fördern, finden gute Gründe als Erwachsene zu spielen, doch sobald wir um der höheren Ziele wegen spielen, verfliegt der Zauber, denn Spielen hat keinen Zweck. Die Position auf der Metaebene hebt den Beobachter, der zuschaut und analysiert, über das Spiel, macht ihn zum Außenseiter.


Bei Sportereignissen oder anderen Spielformen wird der Zuschauer zum Mitspieler, soweit das Spiel die Aufmerksamkeit des Zuschauers fesselt. Das Ich verschwindet. Rituale weben zu Beginn des Spiels das Band zwischen den Spielern, dem Spielgeschehen und den empfänglichen Zuschauern, die so von der erhabenen Beobachterposition absteigen in die emotionalen Abgründe des Spielgeschehens.


Wer ein Spiel nie gespielt oder leidenschaftlich am Spielgeschehen teilgenommen hat, versteht das Spiel nicht, kann aber beschreiben, aufschreiben und analysieren, was sie oder er sieht und beobachtet.


Dem Alleinsein, der Einsamkeit, die viele nicht ertragen können, kann man auch auf anderem Weg entkommen als im Spiel. Pascal pries den christlichen Glauben, wobei er das Spiel eher als wertlose Zerstreuung sah, um nicht in die oben angedeuteten Abgründe blicken zu müssen. Der Homo faber betäubt die allgegenwärtige Leere mit Schaffen, Werkeln, Managen, vielleicht mit dem Modellieren der physischen Erscheinung, mit der körperlichen Selbstoptimierung. Ich liebe Schubladen, denn in die kann man alles möglich reinstopfen und die Wohnung oder das Haus sieht aufgeräumt und leer aus. In irgendeiner Schublade muss doch auch das ‚Mensch ärgere Dich nicht‘ Spiel zu finden sein.


Wir sind nicht die einzigen biologischen Wesen, die spielen. Als Kind schaute ich gerne Tierfilme. Kinder identifizieren sich leidenschaftlich mit Gänseküken, Elefantenbabys, Jungen von Großkatzen wie denen von Löwen, die sich necken, hintereinander her rennen, jagen, sich balgen. Wir beurteilen das Treiben der Löwenkinder als Spielen und doch spielen Tiere nicht, da sie den Begriff nicht kennen; sie sprechen unsere Sprache nicht. Was wir beobachten, können wir nur aus homozentrischer Sicht beschreiben.


AGI Androiden werden zwar unsere Sprache verstehen, wir aber nicht ihre. Sie werden mit uns spielen im doppelten Sinn des Wortes, bestimmt auch ‚Mensch ärgere Dich nicht‘. Das werden sie den Löwen voraus haben, wenn die nicht schon ausgestorben sein werden, bis AGI Androiden auf den Markt kommen werden. Ein Schachcomputer lässt sich seit vielen Jahren schon so einstellen, dass selbst ich jedes Mal gewinne.


In Spielen treten ganze Gesellschaften gegeneinander an und doch kein Mensch. Der Handballspieler oder die Handballspielerin greift im Handballspiel nicht auf quantenphysikalisches Wissen zurück. Denkt sie oder er während des Spiels an die desaströse Liebesbeziehung, ist das der Leistung im Spiel nicht zuträglich. Manchmal entsteht eine verhängnisvolle Dynamik, eine Eskalation, die das Spiel sabotiert. Die Schuld wird personifiziert, um das Spiel zu beruhigen. In den allermeisten Fällen funktioniert das; das Spiel kann ohne das oder die Opfer weitergehen.


Mensch ärgere Dich nicht! Gesellschaftsspiele sind dann besonders reizvoll, wenn nicht nur  Können und Intellekt über Sieg und Niederlage entscheiden, sondern auch das Glück. Der Gewinner redet sich ein, er verdiene den Sieg wegen seines größeren Könnens und geht dabei leer aus. Der Verlierer hat eben Pech gehabt. Da steht das letzte Hütchen drei Felder vor dem Ziel, sie oder er oder es würfelt eine vier und der Papa, schmeißt einen mit dem nächsten Wurf vom Feld, anstatt dass er nochmal würfelt, weil ihm der Würfel aus Versehen aus der Hand gefallen war. Kein Wunder beschreibt das Mensch ärgere dich nicht Brett eine schier unberechenbare Flugkurve durch das Wohnzimmer. Der nüchterne Beobachter erkennt, dass sich bei den meisten Spielen Können, Strategie und Intellekt durchsetzt.


Im Spiel lernt man nicht. Nur der wird besser, der die Ebene des Spiels verlässt und sich verändert, die Spielsituationen reflektiert, Körper und Geist im Vorfeld des Spiels trainiert.


Was entscheidet darüber, ob einem ein Spiel gefällt? Man kann zwar spielen, was man will, aber nicht wollen, was man spielen will.


Nicht der Mensch nimmt am ‚Mensch ärgere Dich nicht‘ Spiel teil, sondern die Spielerin oder der Spieler setzt sich ans Brett, würfelt und platziert regelkonform Hütchen auf den Feldern. Das Bewusstsein der Spielerin oder des Spielers nimmt nicht am Spiel teil, kann aber vollkommen vom Spielgeschehen in Mitleidenschaft gezogen sein. Das Unterbewusstsein verwässert im Bewusstsein, das mit einer tragischen Spielsituation fertig werden will, eine um die andere Schicht gelernter, gesellschaftlich akzeptabler Verhaltensweisen; das Bewusstsein verliert die Kontrolle über das nasse, glitschige Stück Seife. Für die anderen ist das meist lustig, manchmal nervig je nach Stimmung im Wohnzimmer.


‚Mensch ärgere Dich nicht‘ ist, wie jemandem zu sagen, sie oder er solle keine Angst vor Spinnen, Ratten oder Mäusen haben. Ich fiel jedes Mal darauf herein. Wenn man verliert oder gewinnt tritt das Bewusstsein aus dem Spiel. Oft übernehmen Emotionen die Herrschaft. So ist das auch, wenn soziale Gruppen gegeneinander antreten. Ich verliere noch immer nicht gern, weiß Pascals Gott warum, kann mich aber inzwischen sehr gut beherrschen. Das habe ich nach vielen Jahren gelernt.



P.S.: ‚Größe und Elend des Menschen‘ (Aus den Pensée von Blaise Pascal) ist des Lesens wert.

Teilen Sie Ihre Gedanken mit uns

© 2024 The Essay Collective. Alle Rechte vorbehalten.

bottom of page