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Die Qual der Wahl - Kohärenz ist kontigent

  • 11. März
  • 3 Min. Lesezeit


Die Qual der Wahl - Kohärenz ist kontingent


Die Qual der Wahl beschäftigt uns ein Leben lang, ob wir uns einen freien Willen zubilligen oder auch nicht; und sei es nur als Sehnsuchtsort. Viele sehen sich gefangen in beruflichen und privaten Verpflichtungen mit wenig Spielraum „selbstwirksam“ zu werden und verzweifeln gleichzeitig vor dem Bücherregal oder selbst vor dem vom Streamingdienst nach vergangenen Präferenzen vorsortierten Film - und Serienangebot oder einfach nur vor dem Supermarktregal oder wenn wir in etwas investieren. Ärger, Wut, Zorn, Lebenskrisen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, Katastrophen, Krieg, Mangelwirtschaft, ungewollte soziale Isolation verengen den Blick nachhaltig, langfristig, weit über die Phase der Krise hinaus. Dann fällt es uns schwer, kontingent wahrzunehmen, zu denken, kontingente Gefühle zuzulassen, kontingente Zukunftsszenarios zu imaginieren. Und trotzdem bin ich der Überzeugung, dass Kohärenz kontingent ist.


Ein größerer lebender Organismus besteht aus vielen einzelnen Zellen, die so organisiert sind, dass der Tod einzelner Zellen dem Organismus nur bedingt schadet. Tote Zellen werden durch neue Zellen ersetzt, die bei der Zellteilung aus lebenden Zellen entstehen. Bei der Zellteilung schleichen sich mit der Zeit Fehler ein, der Mensch sieht und hört im Alter schlechter, die Leistungsfähigkeit lässt nach, die Haut wird faltig und schlaff, sodass er irgendwann so aussieht, als wäre er ständig schlecht gelaunt.


Umfangreiche Studien legen nahe, dass der Lebensstil auf diesen Prozess einen signifikanten Einfluss hat. Viele Menschen erhalten bei Arztbesuchen und über seriöse Zeitschriften Zugang zu Informationen, welches Verhalten der eigenen Gesundheit zuträglich ist. Kohärenz ist kontingent. Zumindest meinem Empfinden nach.


Die Teilnahme am sozialen Leben eröffnet dem Menschen kontingente Pfade, die zu beschreiten einem jedem frei stehen, wenn man in diesem Zusammenhang an die Freiheit des Willens glauben will. Kohärenz ist kontingent, zumindest meinem Empfinden nach.


Bin ich eine Figur im Plot einiger Mitmenschen? Meinem Empfinden nach nicht, zumindest nicht immer. Kohärenz wäre kontingent, wenn auch nicht für mich.


Bin ich Teil eines oder mehrerer sozialer Konstrukte? Was von mir könnte Teil eines solchen Konstrukts sein? Was von mir nimmt am Federballspiel teil? Mein Körper, mein Bewusstsein? Spielt mein ganzer Körper mit vollem Bewusstsein in jeder Sekunde des Spiels? Wie beginnt das Spiel, wann endet es? Beginnt es mit dem ersten Aufschlag oder mit der Verabredung zum Spiel? Hilft es, während der Federball auf mich zufliegt, über den Effekt der Gravitationskonstante auf die Flugbahn nachzudenken? Ist jeder Ballwechsel gleich? Kohärenz ist kontingent, zumindest meinem Empfinden nach, auch wenn sich die Spieler an Regeln halten; ansonsten käme das Spiel zu einem abrupten Ende.


Heute schreibe ich dies und morgen jenes. Kohärenz ist kontingent, zumindest meinem Empfinden nach. Ohne die Empfindung der Kontingenz wäre das Leben bestenfalls öde und langweilig.


Es gibt eine Welt, die sich hinter unserem Rücken abspielt. Wenn wir uns mit jemanden von Angesicht zu Angesicht unterhalten, können wir unseren Gesprächspartner fragen, was da vor sich geht. Damit wird unsere Welt noch komplexer. Es schadet nicht, von Zeit zu Zeit zu hinterfragen, wie aus kontingenten Wahrnehmungen, Gefühlen, Gedanken, Zukunftsszenarios in unserem Bewusstsein, Unterbewusstsein, in den für uns relevanten sozialen Systemen Kohärenz entsteht.


Es ist keine gute Idee, wenn wir es anderen überlassen, kohärente Zustände in unserem Bewusstsein oder Unterbewusstsein herbeizuführen, noch unseren Einfluss auf das Herbeiführen kohärenter Zustände in gesellschaftlichen Gruppierungen jedweder Art zu unterschätzen. Wir wissen das und doch …


… sind alle menschlichen Organismen sterblich; ich bin ein menschlicher Organismus; ich bin sterblich. Das ist meinem Empfinden nach unausweichlich. Eine Zelle mag sterben und der Organismus dennoch weiterleben.

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