Bitte nicht lesen - Auf dem Weg nach Teneriffa
- 13. Sept. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Bitte nicht lesen: Auf dem Weg nach Teneriffa
Kaum zu glauben, dass ich im hohen Alter das erste Mal die Insel des ewigen Frühlings und die Nachbarinsel Gomera bereise. Wir sitzen im Flugzeug und ich kann es kaum erwarten, bis wir landen. Der Flug dauert lange. Die Füße schwellen an und fangen an zu schmerzen, der Rücken zwickt, ich habe viel zu wenig Platz, möchte aufstehen, das geht nicht, verpeste den Planeten und beschwere mich offensichtlich über nichtige Dinge, über die ich nicht gebiete, ich weiß. Ich habe mich für den Flug mit Epiktets Handbüchlein der Moral bewaffnet. Wie wir aus meinen Ausführungen herauslesen können, stehe ich ganz am Anfang meines Weges, den ich in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder scheu betrete. Schreiben lindert den größten Frust. Epiktets Worte klingen in meinen Ohr, finden aber gerade keine Resonanz in meinem Bewusstsein. Immerhin verspüre ich keine Neigung zu schreien, wie kleine Kinder in der Enge des Flugzeugs, wie das kleine Kind in der Sitzreihe hinter uns, zum Glück ganz selten. Es ist brav, wie man es in meiner Kindheit beschrieben hätte. Immer wieder schaue ich auf die Uhr des Tablets. Die Zeit steht still. Ich finde beim Schreiben keine Tiefe, keinen Grund, erforsche die Oberfläche meines Denkens, das Flüchtige, Unwichtige, das, was ich heute Abend bereits vergessen hätte. Ich bin nicht der einzige, der hier leidet. Viele leiden stumm. Viele brauchen das Handbüchlein nicht, viele sitzen in stoischer Ruhe auf ihren Plätzen und dösen, schlafen, schauen ins Smartphone, einen Film auf dem Tablet, spielen ein doofes, digitales Spiel, hören Musik, lesen, malen sich vielleicht den bevor stehenden Aufenthalt im All-Inclusive Ressort oder den Wanderurlaub auf Gomera aus. Die wenigsten reden. Die völlig Verzweifelten stöbern im Bordmagazin. Es geht darum, die Zeit tot zu schlagen - man verzeihe mir in Anbetracht der Umstände die originelle Formulierung. Es gilt zu vermeiden, dass dieses Geschwafel jemand liest. Zu spät. Jetzt kommen noch Turbulenzen auf. Das hat noch gefehlt. Den linken Schuhbändel habe ich schon gelöst. Den rechten Schuh lasse ich fest zugebunden, damit ich mich auf der zweiten Hälfte des Fluges auf etwas freuen kann. „Cabin Crew ten minutes to landing“ von wegen, auf diesen Spruch müssen wir noch lange warten. Schon wieder ruckelt es. Hauptsache, wir kommen heil an. Vielleicht bin ich doch noch nicht so alt, wie ich manchmal denke. Der Bewusstseinsstrom schweigt. Zum Glück!
Schon beim ersten Lesen der obigen Zeilen zieht es meine Mundwinkel nach oben. Diese Praxis hat Epiktet uns nicht gelehrt.




