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Tribalismus

  • 12. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit


Tribalismus


Tribalismus reimt sich auf Kannibalismus. Führe ich mir das Kommunikationsverhalten in den sozialen Medien, Angebot und Konsum klassischer Medien und die wenigen tiefer gehenden Gespräche mit Menschen, die wir in der heutigen Zeit noch persönlich treffen, vor Augen, bin ich wie viele andere geneigt, an die Rückkehr einer Art Stammeskultur zu denken. Wir bewegen uns in unseren Blasen und Echokammern und schließen die Komplexität der Welt und der zu lösenden Probleme damit weitgehend aus.


Strategisch und damit langfristig erfolgreich ist die, der oder die Gruppe, die, der oder die die Echokammern und Blasen möglichst subtil und perfide mit kurzen, heftigen emotionalen aber sich ständig wiederholenden Botschaften und öffentlich mit charismatisch wirkenden Populistinnen und Populisten zu bespielen versteht. In die aufgestellten Fallen tappen wir alle. Doch viele versinken im emotionalen Morast in sich schlüssig erscheinender Kausalketten, Glaubenssätzen und Weltbildern und geben dem eigenen Denken gar keine Chance mehr. Die „digital Tribes“ bieten allerdings nur virtuelle emotionale und geistige Heimat. „Aber obwohl der Sinn gemeinsam ist, leben die Vielen, als hätten sie eine eigene Einsicht.“


Auf der anderen Seite waren in den Ländern, in denen ich bisher gelebt habe, die Möglichkeiten sich umfassend zu informieren, noch nie so groß wie nach dem Siegeszug der digitalen Revolution im 20. und 21. Jahrhundert. Der Tisch ist reich gedeckt. Ich habe Zugriff auf Presseartikel jeglicher Couleur, extreme, extremistischen Meinungen und noch viel mehr auf ausgewogene Einschätzungen der aktuellen Lage, Beschreibungen und Analysen vermeintlicher und tatsächlicher Fehlentwicklungen, Augen und Ohren, die mir unmittelbaren Zugriff auf die Welt ermöglichen; mir stehen Bibliotheken zur Verfügung, Online-Archive, Publikationen aller Art und vieles mehr, um mich zu informieren. Die Regale des Buchhandels sind prall gefüllt. Man glaubt gar nicht, wie viele Fakten öffentlich zugänglich sind. Ich kann lesen, schreiben, rechnen und recherchieren. Diesbezüglich bin ich wahrlich kein Ausnahmeathlet. Die Quellen stehen allen offen.


Doch auch mein Gehirn ist träge und gibt sich gern mit Überschriften, kurzen Artikeln, Zusammenfassungen charismatischer Autorinnen und Autoren, Selbstdarstellerinnen und Selbstdarstellern, Expertinnen und Experten zufrieden, besonders, wenn sie als Videos, Bilder oder Bildchen mit schlagkräftigen Wortfetzen garniert präsentiert werden. Ohne ein funktionsfähiges Gedankengebäude, das Gedächtnis und alle anderen kognitiven Funktionen einschließt, leidet unsere Überlebensfähigkeit; auch soziale Systeme leben von Gedächtnis und Operationen. Die Überlebensfähigkeit geht mit Komplexitätsreduktion einher - es entstehen einfache Erklärungen, Bilder, die mehr oder weniger brauchbar sind; die Komplexitätsreduktion geht oft zu weit und wird dann lebensbedrohlich. Die Umgebung, der ich mich gewollt oder ungewollt aussetze, der sich ein System aussetzt, hat maßgeblichen Einfluss auf die Bilder, die mein Bewusstsein oder ein anderes System erzeugt. „Die Meinungen der Menschen sind kindliche Spiele.“


Die ins Bewusstsein und Gedächtnis kopierten Bilder beherrschen das kommunikative Verhalten bis hin zum Handeln, soweit nicht andere soziale Systeme mächtigere Handlungsanreize setzen. Die meisten Menschen halten an der roten Ampel an, geben die Steuererklärung ab, füllen Formulare aus, um staatliche Unterstützungen zu bekommen und beteiligen sich auf die ein oder andere Art am wirtschaftlichen Geschehen. Je emotionsloser wir oder ein Großteil von uns denken und handeln, desto weniger reflektieren wir die dahinter stehenden Mechanismen und die Voraussetzungen ihres Funktionierens, obwohl sie unser tägliches Überleben und Wohlergehen garantieren.


Vielleicht ist der ein oder andere manchmal geneigt, einen kleinen Hügel oder Berg zu besteigen, um zu erkennen, auf welchem Terrain seine Existenz aufgebaut ist, ohne sich von der dabei erlittenen Erschütterung einschüchtern zu lassen. Etwas kaputt zu machen, zu zerstören, ist ganz einfach; dazu braucht es nicht viel Hirn und Anstrengung. Um etwas von dauerhaftem Wert zu schaffen, braucht es davon recht viel. „Alles, was zustande kommt, geht auf Mühe und Notwendigkeit zurück.“ Vielleicht erkennen erst unsere Nachfahren, wenn sie unsere sozialen Strukturen untersuchen und analysieren, was schief gelaufen ist und was wir erreicht haben.


Tribalismus reimt sich zwar auf Kannibalismus, trotzdem dürften zukünftige Historiker die Leistungen der „digital tribes“ als eher bescheiden bewerten, wenn sie im Nachhinein überhaupt Gegenstand der Forschung sein sollten. Leider hält der menschliche und sozial generierte Verstand mit dem technischen nicht Schritt - mit der Entdeckung oder Erfindung des Feuers verbrannten die ersten Dörfer und Siedlungen früher Stammenskulturen; das können wir bedauern, beklagen, wir können die Augen davor verschließen oder auch nicht, es bleibt meine Beobachtung; doch auch die ist zum Glück endlich. „Die Natur liebt es, sich zu verbessern.“


     

P.S.: Die obigen Zitate werden Heraklit zugesprochen.

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