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Minimalismus

  • vor 5 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Minimalismus


Wenn ein Begriff wie Minimalismus in meinem Denken kreist, hat er den Zenit seiner Popularität in der Öffentlichkeit in der Regel überschritten. Das hatte ich bereits in dem Essays „Verwahrlosung und Einsamkeit“ bemerkt. Ein Umzug und die damit verbundenen Fragen, welche Dinge ich im neuen Domizil unbedingt brauche sowie der an mich herangetragene Wunsch bewegten mich dazu, das Thema erneut aufzugreifen.


Ich sitze an einem weißen Küchentisch auf einem einfachen Klappstuhl vor einer weißen Wand. Wenn das kein guter Anfang ist, über Minimalismus nachzudenken! Mir fällt Diogenes von Sinope ein, der im 4. Jahrhundert vor Christus gelebt und in einer Tonne gehaust haben soll. Mythos und Wahrheit mögen sich unterscheiden, fast jeder kennt den Aktionsphilosophen, den man heutzutage eher als Performancekünstler bezeichnen würde.


Minimalismus muss man sich leisten können und geht in der öffentlichen Wahrnehmung mit bewusstem Verzicht auf materielle Güter und materiellen Konsum einher. Wer ungewollt in Armut lebt, nur das Nötigste sein eigen nennt, den tröstet der Gedanke, dass Reichere sich von überflüssigem Ballast befreien, wenig.


Wo fängt Minimalismus an und in welchem Kontext will ich ihn betrachten? Entspringt er einem inneren Bedürfnis oder lasse ich mich von einer Mode inspirieren?


Trends zu setzen oder wenigstens frühzeitig zu erkennen, dem Zeitgeist ein bisschen vorauszueilen, sichert unternehmerischen Erfolg, die Auflage von Zeitschriften, Klicks auf Social Media Plattformen und dürfte Basis einer jeden gelungenen Investitionsentscheindung sein. Konsumiert wird immer. Minimalismus setzt in regelmäßigen Abständen ästhetische Maßstäbe, ist eine immer wiederkehrende Idee und dann für Konsumentscheidungen relevant.


Wie minimalistisch mein Dasein aussieht oder aussehen könnte, hängt davon ab, in welchem sozialen Kontext mein Bewusstsein lebt oder ob ich meine Bedürfnisse gerade neu sortiere, indem ich vielleicht meinem Unterbewusstsein mehr Gestaltungsspielraum einräume oder nach dem Lesen von Texten aller Art intensiv darüber nachdenke, wenn denn das eine vom anderen zu trennen ist.


Gerade schätze ich die Wirkung meiner etwas spartanischen Inneneinrichtung, die Klarheit, das Weiß der Wände, das den Eindruck unbeschriebener Blätter erweckt, auf denen das Innenleben Platz zur Entfaltung findet, die hohe Decke, den freien Raum, die Ruhe, die Zeit zur freien Verfügung. Ist das noch Minimalismus oder eher Luxus?


Lebendiges breitet sich ungezügelt aus, bis die Ressourcen erschöpft sind oder andere Lebewesen dem Wachstum ein Ende setzen, ein Gleichgewicht herstellen. Flora und Fauna wohnt die Maßlosigkeit inne. In der Theorie ist der Mensch in der Lage, sich zu bescheiden oder in jeglicher Art von Wüste, wenn es ums Überleben geht.


Überfülle kann uns anregen. Manche brauchen den auf andere chaotisch wirkenden Schreibtisch, Wand-, Bücherschrank, das vollgestellte Buffet, das Blumenmeer im Vor- oder im Botanischen Garten, um auf neue Gedanken zu kommen oder das Leben zu spüren.


Freier Raum und freie Zeit wirft einen auf sich selbst zurück. Das Erlebnis will ausgehalten sein, bevor man die Projektionen der anderen oder des anderen schätzen, einordnen oder verwerfen kann.


Konsumverzicht, das leere Regal, der spärlich gefüllte Schrank schaffen materielle Freiräume für langfristige, nachhaltige Investitionen - auch ein Weg zum Reichtum.


Ich genieße das Meer und die Berge, die Wüste und den Botanischen Garten.


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