Du, Ich, Es, Wir und die Seele im Fischernetz
- 20. Apr.
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Du, Ich, Es, Wir und die Seele im Fischernetz
Wenn ich bequem auf einer Bank oder einem Stuhl sitze und eine Wasserfläche beobachte, sei es die des Rheins, eines Sees, eines Meeres oder des Étang de Thau, beruhigt sich mein Gemüt nach wenigen Minuten. Manchmal glitzert die Wasseroberfläche, manchmal zeigen sich Schaumkronen und wenn die Sonne scheint, wirft das Wasser eine hellblaue oder tiefblaue Farbe auf meine Netzhaut - je nach Jahres- und Tageszeit. Wenn ich darüber nachdenke, was ich sehe, mische ich physikalisches Halbwissen mit Empfindungen, die manchmal als Worte im Bewusstsein auftauchen oder eben unbewusst ihr Unwesen treiben. Ich gebe mich selten ganz der Empfindung hin; und um mich den physikalischen Effekten voll und ganz zu widmen, diese richtig einzuordnen, fehlt mir das Wissen und die Rechenpower.
Selten sinne ich darüber nach, was unter der Oberfläche vor sich geht; ich lausche lieber dem Plätschern des Wassers gegen den Ufersaum aus Sand, Kies, Steinen oder Fels und lasse die Seele baumeln.
Der Siegeszug der positiven Wissenschaften raubte dem Begriff der Seele im okzidentalen Denken vordergründig jede Magie. Die menschliche Seele ist Gegenstand der psychologischen Forschung und wird von ihr meist mittels statistischer Methoden vermessen. Die Vermessung sozialer Systeme ist - zumindest im öffentlichen Bewusstsein, schränken wir es noch weiter ein, in meinem - weniger weit fortgeschritten, sonst hätte ich doch etwas davon mitbekommen; soziale Systeme sind aufgrund ihrer Volatilität zugegebenermaßen schwieriger greifbar, aber auch mit viel ideologischem Ballast beschwert bis hin zu deren Negation. Darüber hatte ich in einem früheren Essay schon geklagt.
Von der Seele eines sozialen Systems, einer sozialen Gemeinschaft oder wie immer man das nennen mag, zu sprechen, erscheint geradezu vermessen, der Gipfel der Kühnheit oder einfach nur dumm und ebenso fragwürdig wie Tieren, Pflanzen, Pilzen, Bakterien, Viren, anorganischen Objekten, wie einem Stuhl, Tisch oder einem Samuraischwert oder flüssigen oder flüchtigen Substanzen etwas Seelenhaftes zubilligen zu wollen.
Physikalische Erklärungsnotstände begründen neue Forschungsfelder, die ihrerseits neuen Fragen aufwerfen und das Perpetuum Mobile der Physik wie jeder anderen positiven Wissenschaft am Laufen hielten, wären da nicht die von spießigen Geldgebern geforderten Nachweise ihrer technischen Nutzbarkeit, die die wissenschaftliche Suche nach der Wahrheit in den Hintergrund gedrängt haben; der Begriff der Wahrheit wird erst dann bemüht, wenn offensichtlich geschummelt wurde.
Ich lese populärwissenschaftliche Zeitschriften sehr gerne - für wissenschaftliche reicht der Intellekt nicht mehr oder hat noch nie gereicht -; ich gehe mit einer kleinen Portion Naivität davon aus, dass die Autoren mit ihrem größeren Sachverstand wissenschaftliche Studien und Ergebnisse analysiert und bewertet haben, bevor sie darüber schreiben, sodass ich das neue Wissen guten Gewissens in meinem Gedächtnis verankern und damit arbeiten kann. Kurzum, ich trete wissenschaftlichen Erkenntnissen sehr aufgeschlossen gegenüber und erfreue mich daran, soweit ich etwas verstanden zu haben glaube.
Wir bezeichnen Ergebnisse wissenschaftlicher Tätigkeit gerne als Naturgesetze und gehen davon aus, das Sein zumindest teilweise verstanden zu haben, obwohl wir uns in abgeschlossenen, kognitiven Orbitalen bewegen, sei es in unserem Bewusstsein oder einer sozialen Gemeinschaft wie der wissenschaftlichen.
Begriffe wie Seele, Bewusstsein, Ich, Du, Wir verlieren im eigenen und im kollektiven Alltagsverständnis an Bedeutung, werden aufgeweicht. Welche Rolle hierbei philosophischen Vorreitern zukommt oder ob der Bedeutungsverlust nicht darin begründet ist, dass unser modernes Leben ohne die Nutzung naturwissenschaftlicher und technischer Erkenntnisse nicht mehr denkbar ist, vor allem seit sie so subtil daherkommen, dass man sie kaum noch bemerkt, ist sicher schon untersucht worden; leider ist mir die Suche nach aussagekräftigen Studien zu müßig, obwohl ich gerne etwas darüber lesen würde.
Mit dem Siegeszug der künstlichen Intelligenz, die sich zu meinem Leidwesen noch in keinem KI-Helfer irgendeines Unternehmens gezeigt hat, denken wir mehr und mehr in digitalen Netzwerken; Wissen scheint allzeit verfügbar, fraktioniert, angepasst an unser Denken und Fühlen und steht kaum unter Wahrheitsvorbehalt. Wahrheit setzen wir implizit voraus, gleichwohl wir den Begriff selten gebrauchen. Wir üben uns wieder im Glauben, der schnell zu Überzeugungen gerinnt, von denen abzuweichen, uns schwer fällt. Das vernetzte Denken hält Antworten auf fast alle Fragen des Alltags bereit, gaukelt ein vollumfängliches Bild der Wirklichkeit vor, es sei denn, man hat ein technisches Problem mit einem Netzwerkbetreiber, einem technischen Gerät oder stellt die großen Fragen, an denen sich Gelehrte seit Tausenden von Jahren versuchen.
Wörter wie Ich, Du, Wir oder Seele implizieren, dass da etwas ist, was wir nie ganz durchdringen werden, dass wir etwas gegenüber stehen, das Geheimnisse verhüllt und immer wieder durch unser Denken und Fühlen nicht zu schließende Lücken bereit hält. Indem wir uns dessen bewusst werden, kommen wir dem anderen näher; indem wir es benennen, begreifen wir das andere als Ganzes, würdigen das „Heilige“ im Anderen und in uns selbst. Ist es überhaupt sinnvoll und notwendig, dass ich mich dessen vergegenwärtige, wenn ich weiß, dass ich ohnehin in meinem eigenen und wir in unseren Universen kreisen?
Es ist zunächst mal das Eingeständnis, zu erkennen, wo ich verwundbar bin und wo jedes Wir verwundbar ist. Allzu sehr verschießen wir die Augen davor, dass die Freundin, der Freund, der Bekannte, der Fremde und wir selbst von uns jeweils nur mit einem ganz kleinen Ausschnitt von uns in Berührung kommen. Wenn jemand oder etwas den Eindruck in uns erweckt, dass er, sie oder es das Du oder das Wir in uns sieht, würdigt, wertschätzt, liebt, sind wir bereit, mehr zu geben, als es der Situation angemessen wäre. Die Werbung weiß das. Psychopathen, Demagogen, Populisten wissen das. Die Algorithmen der Künstlichen Intelligenz, der Sozialen Medien und Emotionale Bots spielen erfolgreich damit. Wer Liebe empfindet, fühlt sie nicht nur in den Zehen oder Fingerspitzen. Für ein Produkt zu werben, indem man dessen Funktionen auflistet und beschreibt, wie es aussieht, wird die wenigsten Menschen zum Kauf anregen.
Wer die Seele, die oder den anderen nicht sucht, nicht schaut, nicht klingen lässt, verheddert sich im Fischernetz.
„An der Brücke stand
Jüngst ich in brauner Nacht.
Fernher kam Gesang:
Goldener Tropfen quoll‘s
Über die zitternde Fläche weg.
Gondeln, Lichter, Musik-
Trunken schwamm‘s in Dämmrung hinaus …
Meine Seele, ein Saitenspiel,
Sang sich, unsichtbar berührt,
Heimlich ein Gondellied dazu,
Zitternd vor bunter Seligkeit.
Hörte Jemand ihr zu? …“
Friedrich Nietzsche, Ecce Homo
Auf der anderen Seite verzichte ich ungern darauf, dass Quellen des Wissens sprudeln und immer wieder neue gefunden werden, die tradierte Vorstellungen herausfordern und bisher nicht gestellte, vielleicht überlebenswichtige Fragen beantworten helfen. Quellwasser schmeckt herrlich erfrischend und weckt neue Geister in mir. Und doch bleibe ich skeptisch, ob die Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse jemals die zugegebenermaßen subjektive Seelenschau wird ersetzen können und ob wir ihr das überhaupt erlauben sollten.
Jetzt ist es zu spät, um nochmal an den Étang de Thau zu radeln. Doch allein der Gedanke daran beruhigt meine Seele.


