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Das Leben nach dem Tod - Deadbots und andere virtuelle Freunde

  • 18. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit


Das Leben nach dem Tod - Deadbots und andere virtuelle Freunde


Deadbots. War das nicht eine weitere Idee von mir, die ich nie verwirklicht habe? Viele Menschen möchten etwas von sich hinterlassen. Sie denken dabei nicht an materielle Dinge wie Geld, Immobilien, Aktien, Depots, Gold, Schmuck, die ihren Nachkommen nach dem Schock ihres Ablebens vielleicht wirklich wichtig sind, mit denen sie etwas anfangen können; sie denken dabei an Immaterielles, ihre Geschichte, einschneidende Erlebnisse, Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Lebensweisheiten, die sie ihren nächsten gegenüber nie auszudrücken vermochten, über die sie beharrlich geschwiegen haben, ehe das Bereuen einsetzte, ehe das Verhältnis zerrüttet und die Aussöhnung vor dem Tod unmöglich geworden war; vielleicht will der ein oder andere Abbitte leisten, ein Vermächtnis hinterlassen, bevor die geistigen Kräfte nachlassen oder die Demenz die Herrschaft über den Geist übernimmt. „Die Zeit, wo du alles vergessen hast, ist nahe, nahe auch die Zeit, wo dich alle vergessen haben.“


Es hätte nur einige Millionen oder hunderte Millionen Euro oder US$ gebraucht, einen funktionsfähigen Prototypen zu basteln; ein Pitch an der richtigen Stelle und das Geld für das Start-up wäre im Nu eingesammelt gewesen. Zugegeben, die Idee kam mir, bevor ChatGPT die Öffentlichkeit mit den Möglichkeiten von Large Language Models bekannt gemacht hatte. Heute haben wir uns an Deep Fakes gewöhnt, an Prominente oder du und ich, die wider besseres Wissen, gegen deren, deinen, meinen Willen für obskure Produkte werben, Hassbotschaften oder alternative Fakten verbreiten oder noch schlimmer in obszönen Szenen dargestellt werden. Bald werden wir Videos und Reels auf den gängigen Plattformen unter einen Generalverdacht der Manipulation stellen, was uns nicht hindern wird, uns davon leiten, lenken und kontrollieren zu lassen.


Inzwischen dürfte es recht einfach sein, ein einfacheres Modell eines Deadbots mithilfe eines KI-Agenten zu basteln, ein Large Language Model (LLM) mit Content wie z.B. Briefen, Emails, Chats, Äußerungen, den digitalen Spuren im Netz, Fotos, Videos zu füttern, sodass der Bot in den generierten Antworten die Haltung, Gedanken und Gefühle desjenigen, der den Deadbot seinen Nachkommenden hinterlassen möchte oder eines Verstorbenen, falls die Nachkommenden den Bot einrichten wollen, simuliert. Ich mache mir Gedanken über Deadbots und habe mir noch nicht einmal angeschaut, was die Apps auf dem Markt bereits leisten.


Man sagt den Suchmaschinen, den sozialen Medien und den LLMs nach, dass sie uns inzwischen besser kennen als wir uns selbst und die uns Nahestehenden. Wenn man Zugriff auf diese Schätze, also die eigenen Daten, bekäme, reichte ergänzend ein einfacher psychologischer Fragebogen aus, um die Gedanken und Gefühlswelt von uns kohärent zu simulieren. Solange man lebt, könnte man die eigene Legende erschaffen, soweit die App die Möglichkeit einräumt, die Ergebnisse über entsprechende Eingaben zu manipulieren. Das Lebenslauf ließe sich dramatisieren, frisieren, aufpolieren, je nachdem ob man die dunklen oder hellen Seiten des Charakters in den Vordergrund stellen will. Ob das aus der Sicht des Sterblichen, der Nachkommenden oder Dritter geschieht, sei dahingestellt.


Nur ein Klick läge zwischen der öffentlichen und der privaten Ansicht, auf die nur ein zuvor festgelegter Kreis Zugriff hätte (und die natürlich leicht gehackt werden könnte). Die private Ansicht ließe sich einstellen. Moralpredigten ließen sich ebenso abstellen, wie gut gemeinte Ratschläge zu bestimmten Themen wie Beruf, Beziehungen, Lebensweise und Lebensentwürfen. Was bliebe, wäre das Bild der oder des liebevollen, sich um das Wohl und Wehe der Nachkommenden sorgenden Angehörigen, der Bestie oder ein Konstrukt, das die ganze Komplexität des Verstorbenen abdeckt.


Wenn man schon einen Avatar von sich oder anderen erstellt, muss das nicht ein Deadbot sein. Warum nicht schon viel früher damit anfangen! Die Fotos und Videos von der darzustellenden Figur lassen sich mithilfe künstlicher Bild- und Videobearbeitungsprogrammen so gestalten, dass die dabei entstehende sprechende, brabbelnde oder schwatzende Figur der darzustellenden zwar sehr ähnlich kommt, aber dann doch, in günstigeres Licht getaucht, einen besseren Eindruck macht, als die oder der Lebende. Der Avatar kann fast jedes Alter verkörpern - einige würden sich gerne am Geplapper eines Baby erfreuen - oder man lässt sich als sprechende Katze darstellen, um die Reichweite zu erhöhen. Man selbst, Freunde, Bekannte, Verwandte oder die Öffentlichkeit würden sich mit dem jüngeren oder älteren Selbst unterhalten können. Der Phantasie sind wenig Grenzen gesetzt. Insbesondere Prominenten würde das eine zusätzliche Einnahmequelle - über den Tod hinaus - eröffnen. Viele Menschen würden sich gerne mit Elvis an einen virtuellen Tisch setzen, um mit ihm zu quatschen.


Je mehr ich darüber nachdenke, desto bescheuerter kommt mir die Idee eines Deadbots vor, so abstrus, dass ich mir die ethische Einordnung am liebsten ersparen würde. Mehr als Fotos, vielleicht ein Video des oder der  Verstorbenen braucht es für die Erinnerung aus meiner Sicht nicht. „Der Tod ist ebenso wie die Geburt ein Geheimnis der Natur; diese ist eine Verbindung aus denselben Grundstoffen, wie jener eine Auflösung in sie ist; aber da ist nichts, was uns unwürdig vorkommen könnte. Denn für ein vernünftiges Wesen widerspricht er weder der (natürlichen) Abfolge noch widerspricht er dem Sinn seiner Existenz.“ „Alles ist von kurzer Dauer, sowohl, was sich erinnert, als auch, woran es sich erinnert.“ Digitalen Daten wird derzeit eine geringere Lebensdauer bescheinigt als den Betrachtungen von Marc Aurel, den Werken Epiktets oder Heraklits. Sonst könnte man darauf hoffen, dass zukünftige Archäologen die digitalen Deadbots ausgraben, um etwas über die heutige Zeit zu erfahren.


Wenn ich mir vorstelle, wie ich vor dem hochauflösenden Bildschirm sitze, im Sofa vergraben, während ich mit jemandem rede, der zwar nicht physisch da ist, aber je länger ich mich mit ihm unterhalte, immer mehr zu einer realen Person wird, kommt mir das Grausen. Ich weiß, dass auch ich früher oder später der Illusion erliegen würde. Es wäre ein leichtes Spiel für den Betreiber des Bots, Gedanken zu beeinflussen, Gefühle zu wecken, gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Handeln in eine gewünschte Richtung zu lenken, weil wir dem bewegten Bild per se mehr Vertrauen entgegen bringen als dem geschriebenen Wort. Der Service wäre zunächst gratis, dann mit Werbung verfügbar und der volle Umfang würde über ein Abo zur Verfügung gestellt. Da der Bot auf meinen Wunsch hin nie widerspricht, und immer wieder mit mir spricht, würde ich süchtig werden. Muss es nur ein Bot sein? Was spricht gegen eine kleine Runde Gleichgesinnter, eine virtuelle Echokammer, die von wem auch immer bespielt wird? Ist das eine Verschwörungstheorie oder schon Realität? Und wäre das kein schöner Weg in die Sozialphobie, in der man allein weniger einsam wäre?


Lag Niklas Luhmann mit seiner Intuition richtig, indem er den Menschen aus der sozialen Gleichung gestrichen hat? Und doch sehnt sich der Mensch danach, einem anderen Menschen leibhaftig gegenüber zu sitzen, sie oder ihn zu hören, zu sehen, zu riechen, mit ihr oder ihm zu interagieren in Gedanken, Worten und Werken, in besonders intimen Momenten sie oder ihn zu berühren und zu schmecken, die unfassbare Aura des Mitmenschen zu spüren. Oder reicht es, den Worten der Dichterinnen und Dichter zu lauschen, sich dem Rausch der Musik hinzugeben oder vor dem Bildnis oder der Skulptur der Künstlerin oder des Künstlers in Verzückung zu geraten, um die magischen Mysterien der oder des Anderen zu erschließen? „Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?“


Wie gut, dass ich nicht alle Ideen verwirklicht habe, die mir im Kopf rumschwirrten (das ist ein Euphemismus: ich wäre dazu nicht in der Lage gewesen). „Wie schnell doch alles verschwindet, in der Welt die Menschen selbst, in der Ewigkeit die Erinnerung an sie. … .“ In menschlichen Maßstäben wabert dieser tröstliche Gedanke schon lange, fast 2.000 Jahre, durch die Geschichte der Menschheit.



P.S.: Die Zitate stammen aus der Reclamausgabe der „Selbstbetrachtungen“ von Mark Aurel und aus „Also sprach Zarathustra“ von Nietzsche, wie der geneigte Leser sicherlich unschwer erkannt haben mag. Ich weiß, wie gemein es ist, Nietzsche und Marc Aurel in einen Essay sperren.


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